Magazin: CD-Kritiken
Haydn: The complete Piano Concertos

Details zu Haydn: The complete Piano Concertos: Matthias Kirschnereit, Württembergisches Kammerorchester Heilbronn

Haydn: The complete Piano Concertos: Matthias Kirschnereit, Württembergisches Kammerorchester Heilbronn

Die Krux der Originalität

Matthias Kirschnereit und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn haben sämtliche Klavierkonzerte von Haydn eingespielt.

Im letzten Jahr erschien im Label Berlin Classics eine Einspielung der neun gesichert von Haydn stammenden Klavierkonzerte (H18 Nr.1-6,8,10,11) mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung des Pianisten Matthias Kirschnereit. Auf der Doppel-CD findet sich zudem noch das fürs Orchester arrangierte Klaviertrio G-Dur H15, Nr. 25. Grundsätzlich ist es Kirschnereit und dem Heilbronner Klangkörper hoch anzurechnen, dass sie sich mit den Konzerten Haydns auseinandergesetzt haben, denn die Gattungsbeiträge haben es doch – mit Ausnahme des berühmten D-Dur-Konzerts (Hob.XVIII:11) – neben jenen von Mozart und Beethoven bis heute schwer, Gehör zu finden. Mit dem Einsatz für Haydns weniger prominente Klavierkonzerte endet jedoch leider auch schon das Lob für die vorliegende Darbietung.

Dabei ist dem Heilbronner Orchester insgesamt wenig vorzuwerfen, bietet es doch eine in Gänze klangschöne und nuancierte Leistung, der man gerne zuhört. Fraglos gelingen auch dem Solisten Kirschnereit – gerade in den Adagios und Andantes – einige Konzertsätze recht schön und ausgewogen. Für den erfahreneren Hörer Haydnscher Klaviermusik wird jedoch vor allem eine dem Komponisten attestierte Tugend zum Problem, die Kirschnereit um jeden Preis zu bedienen versucht – und zwar die der Originalität. Zweifelsohne weisen Haydns Klavierkonzerte eine Vielzahl innovativer, humorvoller und galant-gelehrter Geniestreiche auf, die es in der Interpretation hervorzuheben gilt. Doch bietet Kirschnereit, um es auf den Punkt zu bringen, hiervon leider etwas zu viel des Guten.

Tendenz zur Übertreibung

Man hat beim Hören manchmal den Eindruck, als ob der Pianist die kompositorische Originalität Haydns durch seinen interpretatorischen Übereifer spiegeln bzw. doppeln möchte. Das tendiert leider allzu häufig zur Übertreibung, was an dieser Stelle nur stichpunktartig anhand einiger Aspekte angedeutet werden kann: Ungeachtet der Frage, welchen Einfluss die Wahl eines Steinway-Flügels für die Interpretation derartiger Werke hat, oder wie weit die kompositorischen Eingriffe des Solisten in die Werkfaktur reichen dürfen, sorgen die zahlreichen Individuationen Kirschnereits von der Wahl der Tempi, über die Dichte an Verzierungen bis hin zur Kadenzgestaltung für so manche Irritation. Warum etwa muss man in einigen der Kadenzen derart umfängliche Zitatverweise auf andere Klavierwerke Haydns oder Mozarts bringen? Sicherlich ist jeder Solist in der Gestaltung der Kadenzen frei, doch wirkt die Präsentation von Werken in Werken überzeichnend, da sie von dem eigentlichen Verlauf der Kompositionen ablenkt.

Hinzutritt ein mitunter unausgewogenes Verhältnis zwischen dem streckenweise leider recht verhalten klingenden Orchester und einem zu forciert agierenden Solisten. Dieses Missverhältnis wird besonders dann deutlich, wenn Kirschnereit bei freudig-vitalen Kopf- und/oder Finalsätzen erstmals einsetzt und dadurch die klangliche Balance aufgrund seines Spieleifers ins Ungleichgewicht bringt. Manches wirkt (bei aller berechtigten Euphorie für diese wundervolle Musik) nicht zuletzt spieltechnisch unsauber und wenig synchron mit den orchestralen Einsätzen.

Kurzum: Bei allem Lob für den Repertoirewert und die Einsatzfreude bleibt Matthias Kirschnereit den Konzerten Haydns doch einiges schuldig. Wie viel besser man es machen kann, ohne dabei im Dienste der Originalität zu übertreiben, zeigt etwa die bereits 2020 beim Label cpo erschienene Gesamteinspielung mit Melodie Zhao (Klavier), Howard Griffiths (Dirigent) und der Camerata Schweiz.


Dr. Kai Marius Schabram, 10.07.2023

Label: Berlin Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 



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