Magazin: CD-Kritiken
Bortkiewicz: Chamber Music

Details zu Bortkiewicz: Chamber Music: Cristian Persinaru, Paul Cox, Nils Franke

Bortkiewicz: Chamber Music: Cristian Persinaru, Paul Cox, Nils Franke

Hecht und Goldfisch

Cristian Persinaru, Paul Cox und Nils Franke spielen Kammermusik von Sergej Bortkjewitsch.

Ein Blick auf die Taktarten ist ziemlich aufschlussreich: Aus einer Sammlung mit dem Titel „Im 3/4-Takt“ stammen zwei Stücke, und wer da gleich an Walzer denkt, liegt absolut richtig. Dazwischen allerdings steht eine Berceuse im aparten 7/8-Takt. Die Stücke erklingen hier in einer Fassung für Violine und Klavier, sind ursprünglich aber reine Klavierstücke. Das gilt auch für eine etwas umfangreichere Elegie, die hier mit Klavier und Cello aufgenommen wurde. Der Komponist Sergej Bortkjewitsch (meist auch Bortkiewicz geschrieben) geht bislang ziemlich unter in der großen Reihe russischer Komponisten. Gerade jetzt hat er aber vielleicht die Chance auf eine späte Karriere, denn eigentlich war er gar kein Russe: Tatsächlich wurde er 1877 in der Ukraine geboren, in Charkiw. Er wurde allerdings in St. Petersburg (bei Anatolij Ljadow) ausgebildet, später emigrierte er und lebte in Wien, wo er 1952 starb. Die erwähnten Taktarten spiegeln insofern fast seine Biographie. Musikalisch hört man den Komponisten irgendwo zwischen Wiener Walzer und seinem nur wenig älteren Kollegen und Namensvetter Sergej Rachmaninow pendeln.

Klaviermusik bildet, wie bei Rachmaninow, den Schwerpunkt in Sergej Bortkjewitschs Schaffen, doch seine Duowerke sind keineswegs, wie die vier erwähnten Stücke, alles Bearbeitungen. Original ist etwa die in einer Zeit größter Not und Entbehrungen um 1945 entstandene Suite op. 63, abgesehen vom Titel allerdings, denn der lautete ursprünglich einfach „Vier Stücke“. Das zarte, durchweg melancholische und keineswegs virtuose Werk ist einem berühmten Wiener Geiger gewidmet, nämlich dem damaligen Konzertmeister der Philharmoniker, Willi Boskovsky.

Zurückhaltend

Bortkjewitsch schrieb nicht nur große Meisterwerke (welcher Komponist könnte das letztlich schon für sich in Anspruch nehmen?), und hier werden zudem viele kleine Miniaturen versammelt, sehr hübsch zum Teil, aber nicht unbedingt in höchste Kunstbezirke strebend. Etwas besser als es hier den Anschein hat ist Bortkjewitschs Musik allerdings wohl schon: Die allergrößte Emphase darf man in diesen Aufnahmen nämlich nicht erwarten, und etwas mehr klangliche Wärme wäre auch noch vorstellbar. Cristian Persinaru an der Violine, Paul Cox am Cello und Nils Franke am Klavier legen hier eher dezente, etwas zurückhaltende Interpretationen vor. Der verhaltene Eindruck mag allerdings zum nicht geringen Teil an der leider etwas unterdurchschnittlichen Klangqualität der knapp 20 Jahre alten Aufnahmen liegen. Die Streicher, insbesondere das Cello, klingen auf dieser Platte ziemlich matt. Dennoch lohnt sich die Einspielung, denn die schlichte Schönheit vieler der Stücke kommt allemal gut zum Ausdruck, besonders etwa bei der Meditation, dem dritten Satz der Suite op. 63 oder der Romanze aus den drei Morceaux für Cello und Klavier op. 25, die auch eine kurze dramatische Episode bereit hält.

Von den übrigen Werken des Programms hebt sich die Violinsonate g-moll op. 26 ziemlich deutlich ab, denn während sonst ein mitunter etwas salonhafter Ton vorherrscht, ist diese Sonate ein dramatisches und großformatiges, sehr ernstes Werk. Allein der erste Satz dauert in dieser Einspielung stolze 13 Minuten, der zweite (mit Reminiszenzen an Rimskij-Korsakow) ist von abgründiger Düsternis, und schließlich folgt ein schwungvolles, recht eigenwilliges Finale. Die Sonate ist ein toller Hecht unter lauter kleinen Goldfischen.


Dr. Jan Kampmeier, 12.09.2022

Label: Brilliant classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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