Magazin: CD-Kritiken
Jaques-Dalcroze: Werke für Cello & Klavier

Details zu Jaques-Dalcroze: Werke für Cello & Klavier: Pi-Chin Chien, Bernhard Parz [Ersteinspielungen]

Jaques-Dalcroze: Werke für Cello & Klavier: Pi-Chin Chien, Bernhard Parz [Ersteinspielungen]

Rhythmisch bewegt

Die Gesamteinspielung von Émile Jaques-Dalcrozes ?uvre für Violoncello und Klavier wartet mit einigen Überraschungen auf.

Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950) entzieht sich allzu leichter Einordnung. Bedeutend nicht zuletzt als Begründer der musikbasierten rhythmischen Sportgymnastik (nicht zu verwechseln mit der anthroposophisch geprägten Eurythmie), beschränkte sich seine Tätigkeit keineswegs Musik, so dass ihn Kritik und Zeitgenossen nicht selten belächelten und nicht ernst nahmen. Dabei weist Jaques-Dalcroze ein beachtliches kompositorisches Schaffen auf, darunter mehr als 500 Lieder und Gesänge, mehrere Opern und andere Chorwerke, zwei Konzertwerke für Violine und Orchester, Kammer- und Klaviermusik sowie verschiedene Unterrichtswerke; einzig größere symphonische Werke fehlen in seinem Œuvre.

Die vorliegende CD umfasst vier Kompositionen für Violoncello und Klavier – von der Suite op. 9 (1891) und den Trois Morceaux op. 48 (1902) bis hin zu den Trois Esquisses (1906 – seit 1905 vergab Jaques-Dalcroze keine Opuszahlen mehr) und den vier ‚Rhythmes délaissées‘ (1924). Harmonisch war Jaques-Dalcroze zunächst traditionsgebunden – doch das Interesse an eigenständigen Klangtexturen und rhythmischen Eigenheiten können wir bereits bei der frühen Suite entdecken. Die Trois Morceaux zeigen trotz scheinbar konventioneller Klangsprache einen mehr als unkonventionellen Geist. Das Konzept der Sérénade mit einer rhythmischen Eröffnung im Klavier zeigt, wie wenig ernst Jaques-Dalcroze sich und musikalische Traditionen nimmt – die ironische Brechung erweist, wie nahe am Puls der Zeit der Komponist Jaques-Dalcroze war.

Die stilistische Weiterentwicklung, die wir mit der Abkehr von Opuszahlen feststellen können, ist beachtlich – Jaques-Dalcroze entwickelt seine Harmonik zwar in Richtung seiner Zeitgenossen weiter, diversifiziert sich aber vor allem in Bezug auf rhythmische Aspekte. Während das Andante cantabile aus den Trois Esquisses dem ‚leichteren‘ Reger (den Jaques-Dalcroze spätestens 1904 persönlich kennengelernt hatte) nicht ganz fern steht, weisen rhythmisch durchaus eigenen Ecksätze teilweise in die Richtung von Chabrier oder anderen französischen Zeitgenossen. Die ‚Rhythmes délaissées‘ sind verstärkt der Musik der 1920er-Jahre verbunden, der sogenannten ernsten ebenso wie der Unterhaltungsmusik, mit rhythmischen Besonderheiten im namengebenden kompositorischen Fokus.

Die aus Taiwan stammende Pi-Chien Chien und ihr Klavierpartner Bernhard Parz (an einem bestens präparierten Bösendorfer-Flügel) wissen die Eigenheiten von Jaques-Dalcrozes musikalischem Denken herauszuarbeiten – einerseits die besonderen Texturen, dann die harmonische Entwicklung in den späteren Kompositionen und vor allem der bedeutende rhythmische Aspekt. Das tiefe Verständnis für die kompositorischen Charakteristika, für Doppelbödigkeit und die ironische Auseinandersetzung mit dem Musikleben seiner Zeit ergeben ungemein lebendige und charmante Wiedergaben, die weitergehende Erkundung des Schaffens von Jaques-Dalcroze unbedingt geboten erscheinen lassen.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 09.06.2022

Label: TYXart
Spielzeit: 41:52
Interpretation: 
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Booklet: 




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