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Saint-Saens: Piano Concertos 1 & 2

Details zu Saint-Saens: Piano Concertos 1 & 2: Alexandre Kantotow, Tapiola Sinfonietta, Jean-Jacques Kantorov

Saint-Saens: Piano Concertos 1 & 2: Alexandre Kantotow, Tapiola Sinfonietta, Jean-Jacques Kantorov

Ein hohes Maß an Perfektion

Jean-Jacques und Alexandre Kantorow schließen nahtlos an die herausragende Qualität ihrer ersten Saint-Saëns-CD an ? diesmal mit den ersten beiden Konzerten und vier weiteren Stücken für Klavier und Orchester.

So mancher Kritiker findet immer ein Haar in der Suppe. Wollte ich das in diesem Fall auch tun, könnte ich auf den vergleichsweise geringen Repertoire-Wert der CD verweisen. Alle hier zu hörenden Werke für Klavier und Orchester aus der Feder von Camille Saint-Saëns liegen schon in diversen Einspielungen vor – das zweite Klavierkonzert (unstrittig sein populärstes) sogar in ziemlich vielen. Da ich aber ausdrücklich nicht das Haar in der Suppe suchen will, bleibt mir eigentlich nur Verblüffung angesichts der hohen Perfektion dieser Aufnahmen. Eine große Überraschung ist das nicht mehr, nachdem Alexandre Kantorow bereits die Konzerte Nr. 3, 4 und 5 vorgelegt hatte und dabei mit sämtlichen pianistischen Tugenden brillierte, die man sich überhaupt denken kann: Exzellente Technik, klangvoller Lyrismus, fein nuancierte Abstimmung mit dem Orchester und eine hochdifferenzierte Dynamik – vom fast brachialen Fortissimo bis hin zu den leisesten Pianissimo-Abstufungen.

Ergänzt wurde Kantorow von einer ebenbürtigen Tapiola Sinfonietta unter der Leitung seines Vaters Jean-Jacques. Solist, Dirigent und den Orchestermusikern gelingt es nun, bruchlos an die Vorzüge dieser ersten Einspielung anzuknüpfen, auf dieser prall gefüllten CD befinden sich die ersten beiden Konzerte sowie eine Reihe von kürzeren Stücken für Klavier und Orchester: Der 'Wedding Cake' op. 76, das 'Allegro appassionato' op. 70, die 'Rhapsodie d´Auvergne' op. 73 und schließlich 'Africa' op. 89.

Das zweite Konzert wird, wie erwähnt, recht häufig gespielt – das erste hingegen sehr selten. Die Gründe hierfür bleiben rätselhaft, an der Qualität der Musik kann es nicht liegen. Wenn überhaupt, dann fällt der Finalsatz des ersten Konzertes ein wenig ab, aber das ist bei den fest im Repertoire verankerten Werken von Schumann, Grieg oder Tschaikowsky auch der Fall. Was für ein gelungenes, schwungvolles und auch raffiniertes Stück Saint-Saëns´ op. 17 ist, kann man anhand dieser Interpretation jedenfalls bestens nachvollziehen: Von der geheimnisvollen Horn-Einleitung über die rasanten Steigerungen des Kopfsatzes hinweg bis hin zum hochvirtuosen Finale gelingt den Kantorows eine gleichermaßen sinnliche wie kraftvolle Interpretation, die keinen Vergleich scheuen muss. Ergänzt wird die Leistung der Musiker durch ein plastisches und transparentes Klangbild, in dem Klavier und Orchester sehr gut abgebildet werden.

Formaler Geniestreich

Das ist auch beim zweiten Konzert der Fall, das seinem Schwesterwerk insofern überlegen ist, als die individuelle Konzeption mit einer durchgehenden Steigerung hin zum explosiven Finalsatz als formaler Geniestreich bezeichnet werden darf. Alexandre Kantorow brilliert von der Einleitung an gleichermaßen pianistisch und musikalisch, kann sich aber auch, wenn es gefordert wird, zurückhalten – ein verblüffendes Maß an Kontrolle angesichts der technischen Herausforderungen, die dieses Stück bietet. Die Musiker der Tapiola Sinfonietta (die hier mehr zu tun haben als im ersten Konzert) stehen dieser Leistung in nichts nach und verblüffen den Hörer vor allem im Finalsatz mit äußerster Rasanz. In jedem Live-Konzert wäre das Publikum nach dieser Leistung vor Begeisterung von den Stühlen gesprungen. Man kann es nachvollziehen.

Und die anderen vier Stücke? Während 'Africa' in kompositorischer Raffinesse den beiden Konzerten in nichts nachsteht, wirken die drei übrigen Werke doch eine Spur blasser. Wohlgemerkt: in ihrer Substanz, nicht in der Interpretation. Diese bleibt auf durchgehend hohem, ja höchstem Niveau – und bringt den unvoreingenommenen Musikfreund einmal mehr zu der Frage, warum die Musik von Saint-Saëns hierzulande immer noch vergleichsweise selten zu hören ist. Insbesondere die Klavierkonzerte. Immerhin: 2021, in dem Jahr, in dem die Musikwelt des 100. Todestages des großen Franzosen gedachte, hat sich doch schon einiges getan. Wer sich also den Werken für Klavier und Orchester widmen will, der kann bei den beiden Kantorows zugreifen – eine gelungenere Interpretation ist kaum denkbar.


Dr. Michael Loos, 23.05.2022

Label: BIS Records
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




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