Magazin: CD-Kritiken
Bacewicz, Tansman: Piano Quintets

Details zu Bacewicz, Tansman: Piano Quintets: Julia Kociuban, Messages Quartet

Bacewicz, Tansman: Piano Quintets: Julia Kociuban, Messages Quartet

Ist das Neoklassik?

Tonale Komponisten der Mitte des 20. Jahrhunderts haben es schwer.

Gra?yna Bacewicz (geboren 1909) wurde nur knapp sechzig Jahre alt, doch in dieser Zeit wurde sie eine der bedeutendsten Vertreter polnischer Musik im 20. Jahrhundert. Ihre Musik hat nichts mit Penderecki oder Lutos?awski gemein, vielmehr ist sie schamlos tonal gebunden, formal klar konzipiert, in herausragender Weise von hoher Instrumentationskunst.

Das erste Klavierquintett (1952) eröffnet mit einer Phrase, die Regers Klaviertrio op. 102 zu entstammen scheint, und es darf dahingestellt bleiben, ob es sich um ein unbeabsichtigtes oder ein bewusstes Zitat handelt. Dass es eher absichtlich sein dürfte, legte das Scherzo nahe, das in verblüffender Weise auf Reger Bezug nimmt und doch – wie alles bei Bacewicz, ganz eigen. Die Frische der Musik verweigert sich in den Augen des Rezensenten einer allzu klaren Etikettierung – aus Polen selbst scheint die Einschätzung, dass es sich um ein neoklassische Musik handeln soll. Vielleicht müssen wir für die Musik des 20. Jahrhunderts unsere gängigen, vielleicht allzu zeitnah entstandenen ‚Definitionen‘ überdenken. Mit dem Grave ihres ersten Quintetts jedenfalls scheint Bacewicz in ganz anderen Gefilden zu sein als in den anderen Sätzen – scheint sich sich eher dem ‚neospirituellen‘ Stil des späteren Górecki anzunähern.

Das zweite Quintett (1965) ist weit weniger tonal (um nicht zu sagen nahezu atonal), von den Texturen nicht minder detailliert ausgearbeitet und von großer emotionaler Spannweite. Das dreisätzige Werk zeigt zwar auch hier offenkundige Markenzeichen von Bacewiczs Stil, feines rhythmisches neben dem harmonischen Gespür, die Nutzung verschiedener Spieltechniken der Streichinstrumente und einen nicht selten vollgriffigen Klavierpart. Und auch hier schließt das Werk in purer Spielfreude und natürlich entwickelter Virtuosität.

Eigene Klangsprache

Alexandre Tansman (1897–1986) war zwar auch polnischer Abstammung, ließ sich aber bereits 1919 in Paris nieder (was sich später aufgrund seiner jüdischen Herkunft als kluger Schritt erweisen sollte) und wurde bekannter Teil des Pariser Musiklebens, auch wenn er in der heutigen Wahrnehmung durch schillerndere Persönlichkeiten zumeist überschattet wurde. Tansmans ‚Musia a cinque‘ entstand 1955 und ist eher eine ‚Suite im alten Stil‘ denn ein genuines Klavierquintett. In den Sätzen Praeludium, Toccata, Elegia, Divertimento und Finale finden wir postimpressionistische ebenso wie postexpressionistische Elemente, eine durchaus eigene Klangsprache mithin (die in der Tat gerne mit dem Etikett ‚neoklassisch‘ verunziert wird), die mit seiner polnischen Herkunft zwar nur mehr wenig gemein hat, die aber in der Energie und der emotionalen Durchdringung der jüngeren Kollegin in gewisser Weise vergleichbar ist.

Julia Kociuban hatte Tansman schon im Falle ihrer Einspielung des Klavierkonzerts Bacewiczs Gattungsbeitrag gegenübergestellt, und die hier eingespielten Werke bilden zusammen ein überzeugendes Ensemble, ebenso wie Kociuban und das polnische Messages Quartet (benannt nach einer Komposition Andrzej Panufniks) perfektes Zusammenspiel, nachgerade ein Verschmelzen zu einem Quintettensemble bieten. Auch aufnahmetechnisch ist jeder der fünf Musikerinnen der ihr gemäße Platz eingeräumt, sie wirken in großer Klarheit als selbständige Individuen und doch wie ein unauflösliches Ganzes, in perfekter musikalischer und klanglicher Balance. Hohe klangliche Transparenz und ein vorzüglicher Raumeindruck runden eine herausragende Produktion ab.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 18.04.2022

Label: DUX
Interpretation: 
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Booklet: 




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