Magazin: CD-Kritiken
Auf jenen Höh'n

Details zu Auf jenen Höh'n: Hann Müller-Brachmann, Hendrik Heilmann

Auf jenen Höh'n: Hann Müller-Brachmann, Hendrik Heilmann

Zyklen der Endlichkeit

Aufregend oder atemberaubend mag das Album nicht sein, das wären vermutlich auch die falschen Kategorien. Dafür ist es berührend, ehrlich und wohltuend schnörkellos.

Mit einem Zitat aus den ‚Kindertotenliedern‘ von Friedrich Rückert ist das vorliegende Album überschrieben: ‚Auf jenen Höh’n‘. Es meint einen Ort jenseitig der eigenen Welt, einen Ort nach dem Leben, eine mögliche Verortung des Daseins nach dem Tod. Dieser Tod ist das Thema des neuen Albums von Bass-Bariton Hanno Müller-Brachmann, das als SACD beim Label MDG herausgekommen ist. Begleitet wird der Sänger von Hendrik Heilmann am Flügel, die Aufnahmen entstanden im März 2021 in der Konzerthaus Abtei Marienmünster.

Müller-Brachmann konzentriert sich im Rahmen der gesetzten Thematik auf drei größere Lied-Zyklen von Gustav Mahler, Frank Martin und Johannes Brahms. Eigene Endlichkeit, der Verlust der Kinder, die religiöse Auseinandersetzung mit Tod und Sterben, all diese Facetten spiegeln sich in den gewählten Liedern wider. Leichte Kost ist wahrlich nicht, eine depressive Grundstimmung begleitet den Hörer von der ersten bis zur letzten Note. Die Mischung der verschiedenen Tonsprachen ermöglicht allerdings willkommene Abwechslung, die quasi für drei Abschnitte des Programms ein neues ‚Kalibrieren‘ des Gehörs einfordert. Mit Mahlers Vertonung der ‚Kindertotenlieder‘ beginnt es, Gedichte und Musik, die von immenser Traurigkeit und nur leisen Hoffnungsschimmern zeugen. Es ist erstaunlich, wie gefasst Hanno Müller Brachmann – selbst Vater – diese Lieder zu singen im Stande ist. Lähmende Schwermut und Zerbrechlichkeit atmet sein Vortrag, der mit dem unverwechselbaren Timbre und großer Sorgfalt bei der Textausdeutung fesselt. An wenigen Stellen streift der Sänger die Grenze zum Manierierten, ohne sie jedoch zu überschreiten. Hendrik Heilmann ist ihm ein sensibler und stützender Begleiter, der sich mancherorts fast zu sehr im Hintergrund hält. Dabei beherrscht er den wilden ‚Orchester-Klaviatur-Part‘ Mahlers vortrefflich, horcht den Farben nach und zieht alle denkbaren Register.

Besonders eindrücklich sind die ‚Jedermann-Monologe‘ von Frank Martin. Hier kann Müller-Brachmann seine langjährige Opernerfahrung nutzen und wirklich kraftvoll dramatische Akzente setzen. Man glaubt ihm jedes Wort, sofort entsteht eine Figur. Was bei den Mahler-Liedern noch kunstvoll überhöht und wohlüberlegt nuancenreich dargeboten wurde, erhält in den Martin-Kompositionen eine packende Direktheit. Von nicht minder großer Kraft sind die eingespielten ‚Vier ernsten Gesänge‘ von Johannes Brahms. Die Lieder begleiten Müller-Brachmann seit frühester Zeit seiner Karriere und konnten über die Jahre reifen. Mit Routine aber auch inhaltlicher wie musikalischer Durchdringung lassen der Sänger und sein Pianist die gewichtigen Werke am Ende des Albums fast als Bekenntnis stehen. Die sonoren Basstiefen Müller-Brachmanns sind luxuriös, so markant nachgedunkelt in den vergangenen Jahren. Die Höhen, beispielsweise bei Mahler, springen vor allem mit einiger Kraft gut an, andernfalls flachen sie leicht ab, verlieren an Farbe und Glanz. Aber was macht das schon, wenn mit solch entwaffnender Authentizität musiziert wird. Aufregend oder atemberaubend mag das Album nicht sein, das wären vermutlich auch die falschen Kategorien. Dafür ist es berührend, ehrlich und wohltuend schnörkellos. ‚Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.‘ Mit diesen Worten schließt die CD. Man muss erst einmal durchatmen.


Benjamin Künzel, 13.07.2022

Label: MDG
Interpretation: 
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Booklet: 




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