Magazin: CD-Kritiken
Richard Strauss: Lieder

Details zu Richard Strauss: Lieder: Sarah Wegener, Götz Payer

Richard Strauss: Lieder: Sarah Wegener, Götz Payer

Herzenstöne

Ein so unprätentiöses und zugleich leidenschaftliches Album wie dieses von Sarah Wegener und Götz Payer hört man viel zu selten.

Plattenalben mit Richard Strauss-Liedern gibt es zuhauf und jede Hörerin und jeder Hörer hat vermutlich die eigenen Lieblingsaufnahmen. Im Sopranbereich fällt die Entscheidung besonders schwer: Die Fülle an wichtigen Einspielungen – egal, wie sehr sie dem eigenen Geschmack entsprechen mögen – von Maria Reining, Elisabeth Schwarzkopf bis hin zu Jessye Norman oder jüngeren Datums Maria Bengtsson oder Diana Damrau ist geradezu unüberschaubar. Unter diesen Umständen darf man mit einer gewissen Skepsis an ein neues Strauss-Album herantreten und die Frage stellen, ob es diese x-te Einspielung braucht. Im Falle der vorliegenden CD mit der Sopranistin Sarah Wegener und dem Pianisten Götz Payer kann man das mit einem klaren Ja beantworten. Dieses Album gehört mit zu den authentischsten und berührendsten Strauss-Lieder-Alben auf dem aktuellen Plattenmarkt.

Im November 2020 waren Wegener und Payer im SWR-Studio und haben eine Auswahl von 22 Strauss-Liedern eingespielt. Die CD ist beim Label Avi-music erschienen mit einer gut einstündigen Spieldauer. Was von der ersten Note an fasziniert, ist das organische Zusammenspiel der Künstler und nicht zuletzt der edel timbrierte Sopran von Sarah Wegener. Sie verfügt über den großen Opernton ebenso wie über das intime Parlando, die Wärme ihrer Stimme und die Direktheit ihres Gesangs treffen unmittelbar ins Gefühl des Zuhörers. Freilich gibt es Phrasen oder Nuancen, die andere große Sängerinnen raffinierter oder glanzvoller gemeistert haben mögen, aber das fällt nicht ins Gewicht innerhalb dieses überzeugenden Gesamtbildes. Sarah Wegener trifft eine Art ‚Herzenston‘, wie ihn vor ihr beispielsweise Elfride Trötschel oder Irmgard Seefried gepflegt haben. Die eigentliche Kunst drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern ist Grundlage für alles Weitere. Wegener nutzt ihren Gesang als entwaffnend natürliches Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Ihre Diktion ist glasklar, man versteht nahezu jedes Wort. Und das ist bei den von Strauss vertonten Gedichten ein nicht zu unterschätzender Mehrwert. Payer begleitet mit enormer Flexibilität von orchestraler Pracht bis hin zum atmosphärischen Klanghauch.

Im Fluss der Töne und Worte

Die Reihenfolge der eingespielten Lieder trägt des Weiteren zum eindrücklichen Hörerlebnis bei. Zu Beginn stehen die fast jugendlich freien, positiven Lieder und münden final in jene Werke, die das Lebensende erahnen und in Musik verwandeln. Dieser Lebensbogen transportiert sich unaufdringlich, quasi mit unausweichlicher Logik, die erst wahrgenommen wird, wenn das ‚Ende‘ schon vor der Tür steht. Neben den zu erwartenden ‚Evergreens‘ haben Wegener und Payer auch einige eher selten zu hörende Lieder in ihr Programm aufgenommen, wie beispielsweise ‚Gefunden‘, Die erwachte Rose‘ oder ‚Glückes genug‘. Aber auch Werke wie das so oft gehörte ‚Allerseelen‘ oder die ‚Zueignung‘ füllen die beiden Künstler mit neuem Leben und selbstbewusstem Zugriff. Nicht dass sie zwanghaft versuchen, Neuartiges an die Oberfläche zu heben – sie musizieren uneitel im Fluss der Töne und Worte. Diese Bescheidenheit macht das neue Album mit dem etwas erwartbaren Titel ‚Zueignung‘ unter anderem so wunderbar und hörenswert.

Ins Schwärmen kommt man aber auch bei Phrasen wie dem verschattet weichen Liedbeginn ‚Nicht im Schlafe hab ich es geträumt‘, dem ein hörbares sanftes Lächeln beigemischt ist oder den geheimnisvollen Pastellfarben in ‚Die Nacht‘ oder der ‚Winterweihe‘. Wie schön gelingt die Mischung aus Zartheit und doch einem vollen Ton, der frei von Gesäusel ist, wie im ‚Rosenband‘ oder im ‚Ständchen‘. Die komödiantisch lebendige ‚Begegnung‘ ist ebenso ein Hinhörer wie die leuchtende Emphase, der glutvolle Opernton in der ‚Heimlichen Aufforderung‘ oder in ‚Cäcilie‘. So ein unprätentiöses und zugleich leidenschaftliches Album hört man viel zu selten.


Benjamin Künzel, 09.05.2022

Label: CAvi-music
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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