Magazin: CD-Kritiken
Werke von Beethoven, Mozart, Bach, Ravel, Chopin

Details zu Werke von Beethoven, Mozart, Bach, Ravel, Chopin: Yvonne Lefebure, Klavier

Werke von Beethoven, Mozart, Bach, Ravel, Chopin: Yvonne Lefebure, Klavier

Vergessene Interpretationskunst

Auf 5 CDs wird der französischen Pianistin Yvonne Lefébure gedacht ? eine Entdeckung auch für Kenner historischer Aufnahmen.

Der Name Yvonne Lefébure dürfte hierzulande wohl kaum mehr jemanden etwas sagen. Das mag einerseits daran liegen, dass historischen Pianistinnen und Pianisten aus Frankreich in Deutschland prinzipiell weniger Beachtung zukommt; andererseits hinterließ Lefébure aber auch vergleichsweise wenige Aufnahmen für die Nachwelt. Grund dafür war unter anderem, dass sie die eigene solistische Karriere zugunsten eines intensiven Engagements als Pariser Klavierlehrerin hintanstellte. Umso erfreulicher ist es daher, dass das Label Profil Edition auf einer 5-CD-Box der vergessenen Pianistin erinnert.

Dabei kommen erwartungsgemäß die Sammler von historischen Aufnahmen auf ihre Kosten und nicht unbedingt die Klangfetischisten. Virtuosität und makellose Technik sind wahrlich nicht die Stärken von Lefébure: Schnelle Läufe werden gerne unkontrolliert beschleunigt, durch viel Pedaleinsatz beschönigt und darüber hinaus mit einer Fülle falscher Töne präsentiert. Doch was im heutigen Klavierunterricht mit zahllosen Metronom-Übungen abgestraft werden würde, hat Lefébure genauso gelernt – von keinem geringeren als Alfred Cortot. Auch die Tatsache, dass Lefébure Wiederholungen nur in absoluten Ausnahmefällen realisierte, bei Bach-Interpretationen gerne romantische Transkriptionen von Hess, Busoni oder Liszt bevorzugte oder auch mit Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Pierre Dervaux zusammenarbeitete, die ihrerseits für schwerpathetische Lesarten bekannt waren, sollte ein Warnsignal für alle Puristen sein.

Bach à la Rachmaninow

Das Hörerlebnis offenbart sich letztlich als zweischneidiges Schwert: Der Kopfsatz von Beethovens 'Pathétique' überzeugt eher wenig, wenn bereits in den anfänglichen Fortissimo-Akkordeinrufen ein dis' statt d' ungenießbar im Pedal liegen bleibt. In der Beethoven-Sonate op. 111 kann man die Patzer wiederum besser verzeihen, da Lefébure hier durch ihr risikofreudiges Spiel ungemein aufwühlt und auch die Steigerungswelle bis zu den finalen hohen Trillern im Schlusssatz in einem beeindruckenden Gesamtbogen verdeutlicht. Überhaupt ist dynamische Vielschichtigkeit eine der größten Stärken der Pianistin, wobei etwa die Liszt-Bearbeitungen der Bach-Fugen in a-Moll BWV 543 und g-Moll BWV 542 zu einer packenden Reise vom zärtlichsten Pianissimo bis ins brachiale Fortissimo mutieren. Dabei mögen beim Zuhören durchaus Zweifel aufkommen, ob es sich hier noch um Bach oder nicht gar um Rachmaninow handelt.

Das soll nicht heißen, dass dieses heute provokativ ‚historisch uninformiert‘ anmutende Spiel per se in die Kategorie bedeutungsschwerer Interpretationen von Claudio Arrau, Wilhelm Backhaus oder Edwin Fischer einzuordnen ist. Lefébure geht durchaus stringent vor, für die damalige Zeit hier und da sogar verhältnismäßig sachlich und nüchtern. Ihre Darbietung des Hauptthemas im zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert in d-Moll ist ein Paradebeispiel dafür, wie man diese Musik gefühlsbetont und trotzdem keineswegs übertrieben kitschig gestalten kann.

Kuriose Kadenz

Kuriositäten finden sich gleichwohl ebenfalls im besagten Klavierkonzert, etwa in der Kadenz des ersten Satzes, die – wenn man den spärlichen Informationen des Booklets glaubt – von Lefébures Ehemann Fred Goldbeck stammt, der als Dirigent und Musikwissenschaftler tätig war. Auch wenn dieser impressionistisch anmutende Klavierpart angesichts einer irritierenden Zerfahrenheit sowie eines sehr holprigen Überganges in das Orchesterfinale neben der populären Beethoven-Kadenz kaum bestehen kann, bietet die Radikalität der harmonischen und modulatorischen Wechsel in jedem Fall einen Überraschungseffekt. Es bleibt dennoch zu hinterfragen, warum es das Mozart-Konzert gleich zweimal in die CD-Kollektion geschafft hat. Die Darbietung unter Furtwängler zählt freilich zu den bekannteren Mitschnitten von Lefébure und stellt die ebenfalls mitangeführte Einspielung unter Dervaux in den Schatten. Schwergängig, unpräzise und pathetisch sind beide Interpretationen – Furtwängler macht daraus aber eine überzeugendere Tugend.

Insofern hätte man auf diese programmatische Dopplung verzichten können, um stattdessen noch Einblicke in Lefébures Schubert- oder Fauré-Interpretationen zu ermöglichen, die im Set gänzlich ausgespart wurden. Insbesondere im französischen Repertoire zeigen sich nämlich noch weitaus mehr Facetten der Pianistin. So kommt etwa in Debussys Ballett 'La boîte à joujoux' die pädagogische Imaginationskraft Lefébures bestens zur Geltung, wobei sie mit mannigfaltiger Klangvielfalt die Spielzeugschlacht mit schelmischer Freude porträtiert.

Am Ende offenbart auch die CD-Aufmachung als solche Luft nach oben: Im Booklet findet sich nicht einmal ein Foto der wenig bekannten Pianistin, von detaillierten Hintergrundinformationen zu den Aufnahmen ganz zu schweigen. Hier wurde definitiv eine Chance vertan, zumal selbst interessierte Kenner historischer Aufnahmen mit den Einspielungen dieser Kollektion kaum vertraut sein dürften. Musikalisch verspricht die CD-Box in jedem Fall eine spannende Entdeckungsreise in die Gefilde vergessener pianistischer Interpretationskunst.


Daniel Eberhard, 08.12.2021

Label: Profil - Edition Günter Hänssler
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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