Magazin: CD-Kritiken
Scarlatti: Complete piano sonatas

Details zu Scarlatti: Complete piano sonatas: Christoph Ullrich, Klavier

Scarlatti: Complete piano sonatas: Christoph Ullrich, Klavier

Der Scarlatti-Sog

Die nächsten 30 Scarlatti-Sonaten von insgesamt 555 hat Christoph Ullrich eingespielt. Der Halbmarathon ist damit schon absolviert.

Eine CD mit 30 Sonaten von Domenico Scarlatti? Kann man so etwas durchhören? Man kann. Und wie! Spätestens bei Sonate Nr. 3 ist man in dieser Welt gefangen und bleibt fasziniert. Sagenhafte 555 Sonaten für das Cembalo hat Domenico Scarlatti geschrieben. Die eine oder andere könnte man noch hinzufügen, je nachdem, welche Quellen zugrunde liegen. Warum hat er diesen Auftrag der spanischen Königin Maria Barbara angenommen? Sie verlangte von ihrem Hofcembalisten und langjährigen Musiklehrer nahezu täglich eine neue Sonate. Sicher war Scarlattis Stellung bei Hofe seit 1728 eine einträgliche und renommierte, was der napoletanische Musiker, der sich in der Jugend in Europa umgesehen und einen Ruf als exzellenter Cembalist erworben hatte, dazu gebracht hatte, zunächst bei Maria Barbaras Vater, dem König von Portugal als Hofkomponist und Lehrer der Tochter zu dienen, eben jener, die später den spanischen Thronfolger heiratete. Auch als später Vater zahlreicher Kinder von zwei Ehefrauen - seine erste Ehe schloss er mit 43 Jahren - war die Anstellung in Madrid nicht zu verachten. Es muss ihn aber auch als Künstler gereizt haben, mit dieser kompositorischen Form alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich ihm als Komponisten stellten.

Die Sonaten, kostbar gebunden, wurden vom renommierten Kastratensänger Farinelli, der ebenfalls lange am spanischen Hof wirkte und mit dem Scarlatti sicher in regem künstlerischen Austausch war, nach dem Tod der Königin nach Venedig gebracht (einiges befindet sich auch in Parma). Seit wenigen Jahrzehnten erst werden sie nach und nach aus dem barocken Vergessen wieder ans Licht geholt. Heute kennt sie jeder Pianist und als Zugabe sind sie in Konzerten beliebt. Ihre Aufführung beschränkt sich auch schon längst nicht mehr auf das Cembalo, sondern der moderne Konzertflügel hat dabei bereits die Vorherrschaft ergriffen. Auch haben sich schon der eine oder andere Pianist oder auch ganze „Arbeitsgruppen“ daran gemacht, alle Sonaten einzuspielen.

Auch der Pianist Christoph Ullrich hat sich vorgenommen, alle Sonaten aufzunehmen, mehr als die Hälfte dieses Marathons hat er inzwischen hinter sich, 2028 will er das Projekt abschließen. Eine Frage, die sich an den Komponisten stellt, liegt auch für den Pianisten auf der Hand: Warum tut man sich ein solches Projekt an? Sportlicher Ehrgeiz oder gar ein Guinness-Buch-Eintrag kann wohl kaum als Motivation gelten. Als Volume 6 ist inzwischen die letzte Doppel-CD erschienen. Ullrich geht bei der Reihenfolge der Aufnahmen nach dem Kirkpatrick-Verzeichnis vor, das sich am Datum der Notenabschrift orientiert, ein Datum der Komposition gibt es nicht.

Viele Charaktere

Die Sonaten entsprechen der barocken Form der Einsätzigkeit, unterteilt in zwei Abschnitte. Die Forschung hat inzwischen herausgefunden, dass etwa 400 der Sonaten als Paare zusammengehören, beide Sonaten dann in der gleichen Tonart, entweder als Dur- oder Moll-Stück. Die Sonaten auf dieser von Ullrich nun vorgelegten Doppel-CD sind sehr verschieden in ihrem Charakter. Manche erscheinen als reine, fröhliche Spielmusik im ¾-Takt, manche eher wehmütig zurückhaltend, bei einigen treten spanische Elemente hervor, etwa durch „fremde“ Halbtöne, andere lassen durch Ton-Repetitionen an die Gitarre denken. Dann erscheint auch einmal ein Fugenthema zu Beginn oder es kommt der Gedanke an die Bach’schen Inventionen auf. Eine Art Jagdmusik ist ebenfalls zu hören wie auch ein klagendes Lamento entsprechend der Folklore Andalusiens.

All diese Merkmale arbeitet Ullrich fein heraus, jede Sonate wird ihrem spezifischen Charakter gerecht. Es macht sogar den Eindruck, dass all diese Unterschiede erst recht auf einem Flügel, wie Ullrich ihn spielt, deutlich werden können – eher als auf einem Cembalo. Wobei jedoch zu sagen ist, dass Scarlatti über eine ganze Sammlung der unterschiedlichsten Cembali verfügte und damit auch die jeweilige „Uraufführung“ sehr abwechslungsreich geklungen haben mag. Diese so unglaublich verschiedenen Farben, wie Ullrich sie hervorzurufen imstande ist, führen jedenfalls dazu, dass man in diese Musik regelrecht hineingesogen wird und von Sonate zu Sonate neugierig weiterhören möchte.


Elisabeth Deckers, 04.07.2022

Label: Tacet
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