Magazin: CD-Kritiken
Beethoven: Complete Piano Sonatas

Details zu Beethoven: Complete Piano Sonatas: Boris Giltburg, Klavier

Beethoven: Complete Piano Sonatas: Boris Giltburg, Klavier

Echte Alternative

Boris Giltburgs Beethoven-Zyklus steckt voller spannender Überraschungen.

Bei Beethovens Klaviersonaten mag der ein oder andere schnell mit der Frage bei der Hand sein: Braucht man davon wirklich noch eine Gesamtaufnahme? Richtigerweise müsste man eher die Frage abschaffen, jede künstlerische Aussage dazu hat selbstverständlich ihre individuelle Berechtigung. Boris Giltburg hat bei Naxos seine Sicht auf das ‚Neue Testament‘ (Zitat Hans von Bülow) der Klavierliteratur vorgelegt – und hat damit in der Tat Vieles zu sagen. Giltburg selbst betritt mit dem Projekt weitgehend Neuland, erst neun Sonaten hatte er zuvor im Repertoire, die restlichen 23 hat er eigens für dieses Projekt erarbeitet. Teil des Konzepts war zudem, die Interpretationen sämtlicher Sonaten mitzufilmen, auf einer speziellen Webseite sind die Videos dazu abrufbar.

Konsequente Haltung

Schon auf der ersten CD fallen teils unkonventionelle, mitunter fast provozierend moderate Tempi auf. Die sind aber keine Verlegenheitslösung – Giltburgs herausragende technische Fähigkeiten sind zur Genüge bekannt. Vielmehr rücken sie Sätze wie das Menuett der ersten Sonate, das 'Scherzo' der zweiten, die Kopfsätze von op. 10/2 und 14/1 oder das Thema des Variationssatzes von op. 26 in ein musikalisch völlig ungewohntes Licht. Ist man aber bereit, sich darauf einzulassen, wird man mit gänzlich neuen Perspektiven belohnt und findet beim ‚zweiten Hören‘ heraus, dass Giltburg damit – fast immer – eine in sich schlüssige, konsequente Haltung mit besonderer Intensität und musikalischer Lebenskraft einnimmt. Das macht seinen Zyklus facetten- und abwechslungsreich: Auf der einen Seite stehen z. B. die spritzig-quirligen Schlusssätze von op. 10/2 oder 31/3 oder die fulminante Energie des kernigen Staccato in der G-Dur-Sonate op. 14/2. Unwiderstehlichen agogischen Drive haben auch die stürmischen Ecksätze der 'Pathétique', der 'Appassionata' oder des 'Prestissimo'-Abschnitts im Schlusssatz der 'Waldstein'-Sonate – um weitere namentlich prominenten Beispiele herauszugreifen. Auf der anderen Seite stehen eben jene fast aufreizend verhaltenen Tempi, die den betreffenden Sätzen spezielles, verinnerlicht-durchdachtes Gewicht verleihen. So erhält beispielsweise die 'Sturm-Sonate' Nr. 17 d-Moll op. 31/2 eine emotional noch angespanntere Atmosphäre, die sie nachvollziehbar in den Entstehungskontext des 'Heiligenstädter Testaments' rückt.

In der Ruhe liegt die Kraft

Sicher, es gibt Sätze, da geht sein Ansatz nicht wirklich auf, etwa dem Schlusssatz der G-Dur-Sonate op. 79 fehlt dann doch die heiter beschwingte Leichtigkeit. Auch im 'Allegro' der 'Hammerklavier-Sonate' hat man Schwierigkeiten, sich der eigenwillig langsamen Tempo-Auffassung anzuschließen, immense Tiefenschärfe besitzt demgegenüber die gewaltige Fuge. Auch sonst bezieht Giltburg überwiegend musikalisch überzeugende Positionen. Wunderbar einfühlsam gelingt ihm der Mittelsatz von 'Les Adieux', differenziert stellt er die thematische Vielfalt der A-Dur-Sonate op. 101 dar. Auch in der Trias op. 109-111 schafft er – beispielsweise in der zart gesungenen 'Arietta' und deren nuancenreich schattierten Endlos-Triller – mit in sich ruhender Kraft tief verinnerlichte Zustände. Zwar ist das 'Vivace' zu Beginn der E-Dur-Sonate eher ein Andante, dennoch kommt Beethovens impulsives Temperament auch im Spätwerk nicht zu kurz. Einen zusätzlich interessanten Aspekt erhält die Einspielung auch durch die Wahl des Instruments: Nicht für den ‚üblichen‘ Steinway hat sich die Aufnahme entschieden, sondern für einen Fazioli, der durch klanglich hervorragende Eigenschaften besticht. Am Ende steht die Erkenntnis: Giltburgs Einspielung ist eine echte Alternative zu den Fixsternen am Beethoven-Himmel wie Alfred Brendel, Igor Levit oder einst Wilhelm Kempff oder Friedrich Gulda. Auch das Booklet hat viel zu erzählen.


Thomas Gehrig, 17.12.2021

Label: Naxos
Interpretation: 
Klangqualität: 
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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