Magazin: CD-Kritiken
Werke von Bach-Busoni, Chopin, Liszt

Details zu Werke von Bach-Busoni, Chopin, Liszt: The Welte Mignon Mystery Vol. XXIII

Werke von Bach-Busoni, Chopin, Liszt: The Welte Mignon Mystery Vol. XXIII

Aus den Anfängen der Klangaufzeichnung

Ganz ohne Rauschen: Busoni spielt 1905 und 1907 Chopin und Liszt.

1904 trat die Freiburger Firma M. Welte & Söhne mit einer kleinen Sensation an die Öffentlichkeit: einem Lochbandsystem, das die bisherigen Musikautomaten flach und blass aussehen ließ: Welte Mignon – ein Reproduktionssystem, das nicht einfach nur Musik wiedergeben konnte, sondern viel feinere Schattierungen und rhythmische und metrische Raffinessen derart differenziert wiedergeben konnte, dass sogar bekannte Interpreten und Komponisten davon überzeugt werden konnten, ins Studio zu kommen. Im Juni 1905 spielte Ferruccio Busoni in Leipzig acht Rollen ein, im März 1907 folgten fünf weitere, die eine weitere Besonderheit präsentierten konnten: die lange Spieldauer von bis zu 15 Minuten – von so etwas war die Schellackplatte noch meilenweit entfernt. Diese Aufnahmetermine sollten keineswegs die einzigen dieser Art in Busonis Karriere bleiben – in Deutschland spielte er u. a. auch für das Konkurrenzsystem Hupfeld Triphonola, und noch 1914 und 1920 ging er für die Aeolian Company nochmals ins Studio und spielte u. a. Chopins 24 Préludes op. 28 ein.

Gerade die Rollen der frühen Zeit vermitteln gelegentlich einen etwas unorganischen Klang, doch wäre es auch hier verkehrt, würde man von einer Travestie einer Interpretation sprechen wollen. Das Aufnahmesystem wurde binnen kurzer Zeit noch deutlich verfeinert, und diese Unterschiede kann man auch auf der vorliegenden Doppel-CD deutlich hören. 1905 hatte Busoni (in dieser Reihenfolge) das Bach-Busoni-Choralvorspiel ‚Nun freut euch, lieben Christen gmein‘, eine Polonaise und ein Nocturne von Chopin sowie fünf teilweise sehr substanzielle Originalwerke und Paraphrasen von Liszt, darunter die berühmte Étude d’exécution transcendante ‚La Campanella‘ und die Rigoletto-Paraphrase. Die 1907er-Sitzung bot das Regentropfen-Prélude von Chopin und vier noch umfänglichere Liszt-Werke: die Réminiscences de Norma und de Don Juan, die Fantasie über Motive aus Beethovens ‚Ruinen von Athen‘ und die Polonaise Nr. 2 E-Dur.

Beeindruckende Interpretationen

Die Welte-Rollen wurden 2012 auf einem modernen Steinway Grand mittels eines sogenannten Vorsetzers eingespielt, der die komplette Abspieltechnik enthält und jedem genormten Klavier oder Konzertflügel ‚vorgesetzt‘ werden kann. Die Differenziertheit von Busonis Spiel, auch gewisse interpretatorische Eigenheiten kommen in all diesen Einspielungen sehr gut zur Geltung. Manche Tempowahl mag man heute disputieren mögen, doch ist die Stärke der Interpretation jederzeit zu hören, die Aura des renommierten Pianisten durchaus zu spüren. Beeindruckend sind die Liszt-Interpretationen, die – das muss man sich bewusst machen – rund 115 Jahre alt sind. Und obschon Busoni nicht bei Liszt studiert hatte, begannen schon 1900 die echten Liszt-Schüler Busoni als Liszts wahren Nachfolger zu feiern. Das allein macht diese Veröffentlichung schon zu einem wichtigen, nahezu zeitlosen Dokument.

Wenn es an der Produktion etwas zu kritteln gäbe, so vielleicht die Wahl eines etwas zu ‚konventionellen‘ modernen Konzertflügels statt eines historischen Instruments, das womöglich noch zusätzliche Klangfarben hätte beisteuern können. Auch ist die musikhistorische Betrachtung von Busonis Einspielungen für Klavierrollen allzu oberflächlich.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 11.01.2022

Label: Tacet
Interpretation: 
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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