Magazin: CD-Kritiken
Brahms: Piano Concerto, 16 Waltzes

Details zu Brahms: Piano Concerto, 16 Waltzes: Emmanuel Despax, BBC Symphony, Miho Kawashima

Brahms: Piano Concerto, 16 Waltzes: Emmanuel Despax, BBC Symphony, Miho Kawashima

Brahms ohne Schrei ? aber als Trost im Lockdown

Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher.

Der französisch-britische Pianist Despax schildert im Booklet zu seiner neuen Brahms-CD bei Signum classics selbst, wieso er das Erste Klavierkonzert d-Moll unbedingt mit Andrew Litton aufnehmen wollten, den die meisten nicht unbedingt als Brahms-Experten im Kopf haben werden. Als Despax als Student am Royal College of Music den ersten Preis bei einem Klavierwettbewerb gewann, durfte er genau dieses Stück erstmals öffentlich aufführen. Litton stand damals am Pult. Seither träumte Despax davon, mit niemand anderem als Litton das Stück auf CD einzuspielen.

Den Traum hat ihm nun die BBC erfüllt. Und den beiden das BBC Symphony Orchestra zur Seite gestellt. Gemeinsam entstand im Februar 2020 – also knapp vorm ersten weltweiten Corona-Lockdown – in den Maida Vale Studios diese imposante Einspielung, die sorgsam ausbalanciert ist und besonders im Holzbläserbereich einige extrem schöne Passagen bietet. Dafür sind die Hörner etwas weniger imposant und die Geigen verblüffend nüchtern. Hier ist kein von tiefer Empfindung durchwehter Brahms zu hören. Und die wütend-aufbrausenden Triller im Eröffnungssatz würde ich mir idealerweise auch mit mehr Pathos herausgeschrien wünschen.

Nirgendwo Gefühlsduselei

Ob das britische Zurückhaltung ist? Ich weiß es nicht. Jedenfalls lässt Litton Brahms zwar mehrfach dramatisch auftrumpfen, aber es wird nie existenziell. Jedenfalls nicht im ersten Maestoso-Satz. Und in den lyrischen Passagen – nicht nur beim Adagio – fehlt mir persönlich das tiefe Atmen dieser Musik, das An- und Abschwellen von Melodiebögen. Doch das ist selbstredend Geschmacksache. Manche werden es gerade zu schätzen wissen, dass hier keine Gefühlsduselei zu hören ist. Nirgends.

Despax spielt brillant. Besonders in den Läufen merkt man, wie ihm diese Musik in den Fingern liegt und dass er schon eine Weile mit dem Konzert gelebt hat. Dass er damit etwas sagen will. Das ist imposant und macht Freude zu hören. Despax hat auch die nötige Kraft, um an den entsprechenden Knallerstellen gehörig in die Tasten zu hauen, ohne dass es jemals mechanisch oder hölzern klingt. Aber auch er verzichtet darauf, bei den großen Ausbrüchen des ersten Satzes wirkliche Wut auf die Welt hören zu lassen, die wie ein Schlag ins Gesicht ist (oder ins Gesicht des Gegenübers).

Liebe zum Detail

Wer schon seine Lieblingsaufnahme dieses Klavierkonzerts hat – das bei der Uraufführung 1859 vom Publikum erstaunlicherweise abgelehnt wurde –, der muss sich die neue CD nicht unbedingt kaufen. Auch wenn sie von der Aufnahmequalität sehr, sehr gut ist (ein Verdienst von Produzent Andrew Keener, dem Despax explizit dankt). Wer aber noch keine Ausgabe im Plattenschrank hat, bekommt hier eine mit viel Liebe zum Detail exekutierte Interpretation des Klavierparts mit einem top-professionellen Orchester. Das Brahms offensichtlich schätzt, aber nicht liebt.

Im Booklet verrät Despax auch, dass er die Zeit des Lockdowns im Frühjahr 2020 genutzt habe, um mit seiner Ehefrau Kammermusik einzustudieren. Im Juli nahmen beide dann in der Henry Wood Hall in London die 16 Walzer op. 39 von Brahms auf. Die zeigen – nach der Wucht des Klavierkonzerts – einen deutlich entspannteren Komponisten. Und Despax harmoniert hier mit Kawashima aufs Beste. Auch wenn zwischen dem Klavierkonzert und diesen Walzern wirklich Welten liegen, bei denen man – beim Anhören der CD – erstmal im Geiste umschalten muss.


Dr. Kevin Clarke, 03.12.2021

Label: signum classics
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