Magazin: CD-Kritiken
Sonatas for Violin & Piano

Details zu Sonatas for Violin & Piano: Judith Ingolfsson, Vladimir Stoupel

Sonatas for Violin & Piano: Judith Ingolfsson, Vladimir Stoupel

Zeitgenossen der Vergangenheit

Höchst selten gespieltes Repertoire, im Falle von Paul Arma sogar eine Ersteinspielung ? so richtig überzeugen können die drei hier versammelten Violinsonaten jedoch nicht.

Gehen Sie gerne ins klassische Konzert? Wenn ja, erinnern Sie sich an einen Konzertabend, bei dem ein zeitgenössisches Werk – oder das, was dafür gehalten wird – am Ende des Programms stand? Das wäre die extreme Ausnahme. Fast immer muss der 'Zeitgenosse', und sei er schon seit 50 Jahren tot, mit seinem Stück vor die Pause, damit das Publikum nicht entweder zu spät kommt (um das 'moderne Stück' absichtlich zu verpassen) oder nach der Pause geht. So zumindest eine weit verbreitete Strategie unter Konzertveranstaltern, die nicht selten auch einen fest im Repertoire etablierten Komponisten wie Bartók noch heute gänzlich ironiefrei zu den 'Zeitgenossen' zählen. Es könnte in so einem Fall helfen, den etwas verstaubten Konzertführer durch ein neueres Exemplar zu ersetzen oder aber einen komplett neuen Weg zu gehen: Ein Programm nur mit 'zeitgenössischer' Musik! Für den Konzertveranstalter, der natürlich den Saal voll haben möchte, sicherlich riskant, ebenso für ein Klassik-Label.

Sehen wir auf die drei Tondichter, welche die Musik für Violine und Klavier auf der vorliegenden CD geschrieben haben, so würde man allenfalls Paul Arma (1905-1987) noch im weitesten Sinne als Zeitgenossen bezeichnen. Dennoch dürfte das Programm, nämlich die Zusammenstellung dreier (mehr oder weniger) moderner und vor allem beinahe völlig unbekannter Komponisten, bei einem Konzertabend als echtes Risiko gelten. Welcher Hörer weiß hier schon, was ihn erwartet? Die Violinistin Judith Ingolfsson und der Pianist Vladimir Stoupel sind das Risiko auf dieser bei Oehms erschienen CD eingegangen.

Hundertjährige Zeitgenossen?

Die zwei anderen Komponisten, Karol Rathaus (1895-1954) und Heinz Tiessen (1887-1971), haben ihre Violinsonaten jedenfalls schon vor knapp 100 Jahren verfasst – ob man diese Werke deshalb noch als zeitgenössische Musik bezeichnen darf, sei dahingestellt. Beide Werke wurden im Jahr 1925 komponiert und stehen formal der traditionellen Dreisätzigkeit nahe, die allerdings vor allem bei Tiessen modifiziert wird: Der erste Satz seiner 'Duo-Sonata' op. 35 ist ein knapp zweiminütiges Präludium, das kaum als Kopfsatz im klassischen Sinne bezeichnet werden kann. Armas Sonate hat dagegen vier Abschnitte, darunter ein 'Interlude' und ein 'Postlude'. Interessant also ohne Zweifel für eine formale Analyse, aber wie klingen die Werke nun denn?

Ordentlich, aber nicht spektakulär – so darf man es diplomatisch zusammenfassen. Dass keines der drei Stücke so richtig zu überzeugen vermag, darf man den Interpreten zuletzt ankreiden. Sowohl Ingolfsson, die den teilweise vertrackten Violin-Passagen vollauf gewachsen ist, als auch Stoupel, der ein engagierter und sensibler Pianist ist, zeigen im Laufe der Werke irgendwelche Schwächen. Die Schwächen liegen allerdings in den Sonaten selbst – beginnend beim etwas zu langen und spannungsarmen Kopfsatz der Rathaus-Sonate, kulminierend in Tiessens altbackenem op. 35, das wie eine schwache Hindemith-Imitation wirkt, und endend bei Arma, dessen 'Lento'-Kopfsatz volle 16 Minuten dauert und schon alleine damit den Hörer überstrapaziert. Alle drei Sonaten sind handwerklich sauber gearbeitet und bieten, zumindest streckenweise, ein gewisses Entfaltungs-Potential für beide Interpreten – aber eben nicht mehr. Spannende, packende Musik ist hier so gut wie nie anzutreffen. Wenn sich Ingolfsson durch Tiessens vollkommen uninspirierten Mittelsatz quält, kann man sich ein Gähnen kaum verkneifen. Allenfalls das Finale bietet dann zumindest noch instrumentale Virtuosität, die von beiden Musikern voll ausgekostet wird – immerhin.

Auch wenn es eine bittere Erkenntnis ist: Anhand der hier versammelten Werke wird es ein Stück weit verständlich, warum die drei Tondichter es nicht ins Repertoire geschafft haben. Der gewisse expressionistische Schwung, der für die Hörer der 1920er (oder, bei Arma, der 1940er Jahre) noch eine Rolle gespielt haben mag, ist beim heutigen Publikum kaum noch wirksam. Insofern waren die Herren Rathaus, Tiessen und Arma wohl eher Zeitgenossen der Vergangenheit. Was nicht vergessen werden soll: Die Werke erklingen in einem sauberen, gut ausbalancierten Klang, auch die Tontechnik hat hier also ihr Möglichstes getan.


Dr. Michael Loos, 05.05.2022

Label: OehmsClassics
Interpretation: 
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Booklet: 




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