Magazin: CD-Kritiken
White Nights

Details zu White Nights: Tatjana Masurenko, Roglit Ishay

White Nights: Tatjana Masurenko, Roglit Ishay

Russische Romantik mit Viola und Klavier in Szene gesetzt

Diese "Weiße Nächte"-Box von Tatjana Masurenko und Roglit Ishay konzentriert sich auf St. Petersburger Komponisten.

„Weiße Nächte/White Nights “ titelt eine neue 3-CD-Box der Edition Günter Hänssler, die in Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk 2021 entstand. Zu hören ist Musik, die in jeder Weise mit der russischen Metropole Sankt Petersburg zu tun hat. Eingespielt hat sie die russisch-stämmige Viola-Interpretin Tatjana Masurenko (*1965), die dort aufgewachsen ist und ab dem 5. Lebensjahr zunächst Unterricht auf dem Klavier und der Violine, später auf der Viola erhielt. Nach ihrem Violastudium, unter anderem bei Kim Kashkashian und Nobuko Imai in Deutschland, hat sie einen steilen Karriereaufschwung genommen. In diesen Monaten blickt sie auf ihr 20-jähriges Dienstjubiläum als Professorin für Viola in Leipzig zurück und ist mittlerweile eine der berühmtesten Bratschistinnen europaweit.

Auf ihren neuen CDs – deren Aufnahmen sich über einen Zeitraum von 10 Jahren erstrecken - hat sie gemeinsam mit der israelischen Pianistin Roglit Ishay ein Programm zusammengestellt, das einerseits ihre romantische Künstlerseele spiegelt, andererseits die unendliche Reichhaltigkeit des St. Petersburger Musiklebens dokumentiert: Meister mit klingenden Namen wie Peter Tschaikowsky, Nikolai Rimsky-Korsakow, Alexander Glasunow, Michail Glinka, Anton Rubinstein, Igor Strawinsky, Sergei Prokofjew und Dimitri Schostakowitsch wurden hier geboren oder verbrachten zumindest Teile ihre Lebens in dieser fesselnden Kunstmetropole an der Neva. Die erklingenden Werke gehören sowohl zur Standardliteratur, die Interpreten bringen aber ebenso Raritäten wie Gennady Banshchikows (*1943) Sonata für Viola und Klavier, mit der sich Tatjana Masurenko und Roglit Ishay als vehemente Verfechter der zeitgenössischen Musik ausweisen. Die Klangsprache ist hier weit, bisweilen bizarr und doch so typisch für die Besetzung Viola/ Klavier: nachdenklich, bisweilen sonor, experimentell. Ein superbes Werk!

Einfallsreichtum

CD1 (Aufnahme DLF 16.-19. Februar 2010) beginnt mit einer Auswahl aus dem Klassiker der Moderne, den Preludes op. 34 für Viola und Klavier von Dimiti Schostakowitsch. Die beiden Künstlerinnen sind hier musikalisch adhoc auf dem Posten und verleihen diesen Miniaturen mit exakter Diktion ihren höchsten Qualitätsgrad. Es handelt sich bei diesen Werken übrigens um ein Arrangement von E. Strachov der 1933 ursprünglich für Klavier solo geschriebenen  24 Präludien op. 34. Viel Witz und Charme (Nummer 3) blinzelt da durch, auch genialer Einfallsreichtum macht diese Musik – insbesondere in so hervorragend dargebotener Manier – höchst attraktiv. Ihren Anteil daran hat nicht zuletzt die Pianistin, die das warme, teils melancholische Spiel der Bratschistin (Nr. 5) fundiert unterfüttert. Ihr Anschlag ist flockig leicht, bezaubernd stimmungsvoll und nie vordergründig. Sie ist eine ideale Partnerin Masurenkos, die ihr Instrument  erfrischend abwechslungsreich bedient.

Michail Glinkas unvollendete, frühe D-Moll-Sonate katapultiert das Duo ins Zentrum russischer Romantik. Hier gewinnt die Leidenschaft die Oberhand: Der Sound von Masurenkos Viola ist betörend intensiv. Auch die Klangmischung des Tonmeisters Stephan Schmidt gefällt außerordentlich. Der Flügel im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln ist perfekt intoniert. Frische und Glanz durchströmt diese Aufnahme, die so jugendlich daherkommt, wie man es sich nur wünschen kann. Der kleine aufgesetzte Hall lässt die wehmütigen Moll-Klänge zwar etwas verwischen, aber das gibt der Interpretation einen Hauch von Nostalgie und Nebel, der in St. Petersburg ja oft anzutreffen ist. Ein sehr reifer Vortrag, der ins Herz zielt. Auch Alexander Glasunows „Elegie“ op. 44 gehört zu den Highlights der russischen Romantik und ist absolut eingängig und kantabel. Masurenko ist Romantikerin und spielt hier die Trümpfe ihres Instruments aus, dem man ja stets die Nähe zu Melancholie und Näseln nachsagt.

Romantischer Hochgenuss

Stravinskis  „Elegie für Viola solo“ (1944) ist ursprünglich ein musikalisches Epitaph auf den verstorbenen Gründer und Primarius des ursprünglich belgischen Pro-Arte-Quartetts Alphonse Onnou (1883-1940). Feinsinnig wird hier zu Anfang in bisweilen beißend dissonannten Doppelgriffen Nachdenkliches produziert, wobei die Solistin stets blitzsauber intoniert. Plötzlich bricht das „Lento“ nach einigen Zeilen neu auf, erinnert an Hindemith, findet wieder zurück in die Zweistimmigkeit. Masurenko findet hier genügend Geduld und Ausdauer, die Schwere auszuhalten und stellt ihre Technik ganz in den Dienst der Musik.Das sich anschließende „Russische Lied aus der Oper „Mavra“ arrangierte V. Borisiovsky. Hier findet sich der gewünschte, ersehnte liedhafte Kontrast zur spröden Elegie. Masurenko greift da in die Vollen und zeigt das Tänzerische Moment. Ein weiterer romantischer Hochgenuss ist Nikolai Rimsky-Korsakows „Lied 'Andantino' aus der Oper Sadko“, ebenfalls im Arrangement Borisiovskys. Spritzig wird es noch einmal im „Dance of the Buffoons“ aus der Feder des gleichen Meisters im Arrangement E. Strachovs. Zündend wirkt hier das furiose Violaspiel im „Vivace“ übertitelten Werk. Alle diese letzten Nummern haben Zugaben-Charakter, weswegen CD 1 höchst populär wirkt. Dazu zählt auch Tschaikowskys „Valse Sentimentale“, den Borisovsky (ursprünglich aus den 6 Stücken für Klavier op. 51) wieder für die Besetzung eingerichtet hat.

CD 2 (Aufnahme DLF vom 3.-7. Oktober 2012) steht hinter der ersten nicht zurück. Sie hält so bezaubernde Werke wie eine Auswahl aus Prokofjews „Ballett Romeo und Julia op. 64“ (1936) bereit. Die beiden Orchestersuiten gehören heute zum besten, was die klassische Moderne zu bieten hat. Diese Genre-Studien auf Shakespeares Meister-Drama sind bis heute unverwüstlich, geradezu anmutig in ihrem musikalischen Einfallsreichtum. Technisch sind sie sowohl für Klavier wie das Streichinstrument höchst anspruchsvoll. Aber davon merkt der Hörer in dieser exemplarischen Aufnahme wenig. Hier (z.B. in der Nr. 3 „Julia as a young girl“!) läuft alles wie am Schnürchen, dank jahrzehntelanger geistiger und technischer Auseinandersetzung mit der Materie, sprich hartes Üben von Kindesbeinen an, denn auch das gehört zur sogenannten „Russischen Schule“: Training ohne Schonung bis zum Exzess. Dieses für manche Zeitgenossen „grausame“ musikpädagogische Konzept wird in den zahlreichen Ausbildungszentren Sankt Petersburgs bis heute so praktiziert. Aber nur diese Art zeitigt solche exklusiven künstlerischen Ergebnisse, sei es beim Sport oder der Musikelite.

Souverän

Schostakowitschs Bratschensonate op. 147 ist eines der berühmtesten Originalwerke dieser CD-Box. Sie ist des Komponisten Spätwerk par excellence: Bestürzend durchmisst das Werk den Klangkosmos der Viola neu, wogegen das Klavier einen harten Kontrapunkt setzt, teils in borstiger, klirrender Unisono-Tonsprache. Roglit Ishay steht in jeder Hinsicht souverän über den Dingen und versteht es, aus der Partitur das Maximum an Farbe und Klangvielfalt am Klavier herauszuholen. Dynamisch schattiert sie klug ab und korrespondiert eigenständig mit ihrer Partnerin. Den ursprünglich „Scherzo“ betitelten Satz in der Mitte nennt der Komponist nur noch „“Allegretto“. In siebeneinhalb Minuten läuft hier imaginär ein ganzer Kurzfilm vor dem Auge des Hörers ab. Virtuosität und Burschikosität paaren sich hier und so rennt die Musik, mal flott, mal geheimnisvoll grüblerisch dahin, immer die Extreme im Blick. Die beiden Künstlerinnen korrespondieren da fabelhaft, packend-vollblütig bis zur letzten Sekunde. Das abschließende „Adagio“ ist – mit Anspielungen auf Beethoven - ein valider Abgesang mit versöhnlichem Dur-Abschluss auf ein großes „Komponistenleben“. Alles ergreifend dargeboten!

CD 3 beginnt wieder romantisch mit Anton Rubinsteins „Romance – Die Nacht op.44, No1“. Hier erlebt der Hörer noch einmal Masurenkos fibrig-lockenden Ton mit ihrem betörenden Vibrato. Volkstümlich wird es in den „Nachtigall“-Variationen Mikhail Glinkas, die gleich zu Beginn mit vielen Flageolett-Tönen die Vogelstimme nachahmen. Auch hier melancholisches-Moll- eben typisch russische Seele, die hier durchweht. Seltener auf dem Programmzettel liest man Anton Rubinsteins Violasonate f-Moll op.49 aus dem Jahr 1855. Die Tiefe eines Johannes Brahms erreicht Rubinstein leider nicht, doch ist es ein ansehnliches, motorisches Werk, das aber über gewisse Längen – schon im ersten Satz „Moderato – nicht hinwegleugnen kann. Die restlichen Stücke sind wieder nur Miniaturen wie zum Beispiel Igor Stravinskys burschikose „Pastorale“, Glasunows „Meditation“ op. 32 oder Tschaikowskys „aveu passioné“, letzteres noch eines der stärksten Werke dieser CD, weil am herzergreifendsten. Nichtsdestotrotz geht nach mehr als 3h Romantik-Power dem Hörer etwas die Lust an dieser leicht schwülstigen Art zu musizieren aus, so ist das Set doch eine sehr spezielle Wahl, weil spätestens ab CD 3 interpretatorisch nichts neues mehr kommt.


Manuel Stangorra, 12.05.2022

Label: Profil - Edition Günter Hänssler
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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