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J.S.Bach: Goldberg-Variationen

Details zu J.S.Bach: Goldberg-Variationen: Michel Kiener, Cembalo

J.S.Bach: Goldberg-Variationen: Michel Kiener, Cembalo

Cembalistische Variationskunst

Bachs Goldberg-Variationen: Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration ? hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt.

An den Forkelschen Anekdoten um die mögliche Entstehung der Goldberg-Variationen BWV 988 mag stimmen, was will: Mit diesem Opus hat Johann Sebastian Bach der Nachwelt einen gewaltigen 30-teiligen Variationenzyklus hinterlassen, hervorgehend aus und gerahmt von einer prächtigen Aria, die mit ihrem Basslauf, der den Variationen das Material gibt, Substanz verleiht und genialische Entfaltung beinahe magisch zu induzieren scheint. Bach wäre – selbstverständlich auch in diesem Werk – nicht er selbst, wenn es nicht konstruktiven und intellektuellen Anspruch gäbe: Die Ordnung ist symmetrisch, jeweils drei Variationsteile gehören zusammen, der dritte immer als Kanon in aufsteigenden Intervallen vom Unisono bis zur None gestaltet. Und wo die Dezime verarbeitet werden müsste, steht in der 30. Variation ein Quodlibet, das die Aria mit zwei thüringischen Gassenhauern verbindet – 'Ich bin so lang nicht bei dir gewest' und 'Kraut und Rüben haben mich vertrieben' verbinden sich mit Bachs Substanz, wobei auch hier das ältere Vorbild der in der älteren Musikgeschichte vielfach verwendeten Bergamasca hindurchscheint: Bach also immer auch unberechenbar und vielfältig inspiriert. Und bei all dem Nachdenken und Konstruieren ist das Besondere doch die rein musikalische Magie, die sich bei Bach verlässlich einstellt – jeder einzelne Satz ist ganz vordergründig auch einfach beseelte Musik.

Sublime Virtuosität

Der Schweizer Cembalist Michel Kiener hat dieses Konvolut jetzt beim belgischen Label Passacaille eingespielt und erweist sich in diesem vielfach technisch fordernden Kosmos manuell als über kleinkarierte Kritik erhaben. In allen Sätzen agiert er souverän und spielfreudig, durchaus virtuos in den Sätzen, die das deutlicher fordern wie die fantastische 14. Variation, die das rhythmisch hochpräzise Spiel notwendig macht, um komplett zur Geltung kommen zu können – aber auch da agiert Kiener immer mit gedanklicher Tiefe und überlegter Disposition seiner gestalterischen Mittel, nie in rauschhaftem Übermut. Eine Interpretation dieses gehaltvollen Materials also, die auf gelassener Könnerschaft und interpretatorischer Geduld gründet.  Die Tempi sind entschieden gewählt und innerhalb der kleinen Dreiereinheiten klug zueinander in Beziehung gesetzt. Insgesamt gerät dieses Tableau dennoch maßvoll und erweist sich deutlich als auf das substanzielle Ausmusizieren hin ausgerichtet. Artikulatorisch setzt Kiener immerfort überlegte Akzente, findet – was in der technischen Untiefe manches Satzes einen besonderen Charme entfaltet – bei aller satzbedingten Kleinteiligkeit zu klingend ausgeformter Linearität.

Michel Kiener spielt das auf einem von William Dowd 1978 realisierten Nachbau eines französischen Cembalos der Familie Blanchet aus dem Jahr 1730: Das Instrument hat einen harmonisch hellen Grundklang, mit präzis konturiertem Diskant, schlanker Mittellage und ebenso sehnigen Tiefen – denen es für manchen Schlusseffekt vielleicht an einem gewissen Maß gerundeter Kraft mangelt. Im an sich informativen und inhaltlich wie gestalterisch inspirierten Booklet fehlen bedauerlicherweise weiterführende Informationen zum Instrument. Das Klangbild ist klar und hochpräzis, sehr direkt und gerade dadurch von einer angemessenen Intimität, die der Interpretation dieses Zyklus sehr zugute kommt. Ob der junge Goldberg dem Grafen Keyserlingk dessen schlaflose Nächte mit dieser fabelhaft qualitätvollen Musik tatsächlich versüßt hat, mag dahinstehen. Was man in jedem Takt hören kann, ist Bachs tiefe Inspiration – hier mit Raum zum Atmen und sublimer Virtuosität von Michel Kiener verlebendigt.


Dr. Matthias Lange, 12.10.2021

Label: Passacaille
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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