Magazin: CD-Kritiken
History of the Russian Piano Trio Vol.5

Details zu History of the Russian Piano Trio Vol.5: The Brahms Trio

History of the Russian Piano Trio Vol.5: The Brahms Trio

Traditionen des Klaviertrios

Drei Klaviertrios russisch-ukrainischer Provenienz führen in ganz unterschiedliche stilistische Richtungen.

Die systematische Erkundung russischer Klaviertrios der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch das Brahms Trio bietet diesmal drei Tonträgerpremieren von notorisch unterrepräsentierten Komponisten. Vladimir Dyck (1882–1943) stammte aus Odessa, verbrachte seine Ausbildung und Karriere in Paris und wurde wenige Tage nach seiner Ankunft in Auschwitz ermordet. Dycks c-Moll-Trio op. 25 von 1910 entstand während seiner Schülerschaft bei Charles-Marie Widor, ein Jahr bevor er den Prix de Rome gewinnen konnte. Es ist ein ausgesprochen europäisch geprägtes viersätziges Werk, voller Melodien und reichen Farbfacetten. Das in Moskau beheimatete Brahms Trio verfügt nicht über die Raffinesse, die von man einem westeuropäischen Ensemble erwarten würde; auch ist die klangliche Balance aufnahmetechnisch nicht immer ganz geglückt, besonders die Violine gerät immer wieder kurz ins Hintertreffen.

Constantin von Sternberg (1852–1924) war in Sankt Petersburg geboren und studierte bei Moscheles, Carl Reinecke und Moritz Hauptmann in Leipzig, Friedrich Wieck in Dresden und Theodor Kullak in Berlin. Er gehörte kurz zu Liszts Weimarer Kreis und war dann als reisender Pianist europaweit unterwegs. Nach seinem US-Debüt 1880 und mehreren Tourneen emigrierte er in die Vereinigten Staaten und wurde Direktor des Atlanta College of Music; später gründete er die Sternberg School of Music in Philadelphia. Das 1912 entstandene kurze dreisätzige Klaviertrio Nr. 3 C-Dur op. 104 ist stark der Leipziger Kompositionsschule verbunden, technisch mehr als versiert, harmonisch und melodisch attraktiv, wenn auch ohne nachhaltig innovative Aspekte. Gerade das zentrale 'Tema con variazioni' blickt zurück bis zu Schumann und einer Welt, die Sternberg weit hinter sich gelassen hatte.

Zu wenig Hingabe

Auch Sergey Youferov (1865–?1927) stammte aus Odessa, war aber Kompositionsschüler von Glazunov und Klenovsky in Sankt Petersburg. Seine Karriere teilte sich zwischen Sankt Petersburg und Kherson in der Ukraine; über seine letzten Lebensjahre nach der Novemberrevolution ist fast nichts bekannt. Youferovs Klaviertrio c-Moll op. 52 von 1911 ist gleichfalls dreisätzig – hier hören wir stärker die Einflüsse etwa eines Rubinstein oder Glazunov. Merkwürdigerweise ist hier das Brahms Trio weniger überzeugend als bei den beiden anderen Triowerken. Man möchte sich noch mehr Elan und Frische wünschen, mehr kraftvollen Ensemblegeist, ohne in irgendeiner Weise die Emotion zurückzuhalten. Zwar wäre auch bei den Trios von Dyck und Sternberg noch mehr Brio möglich gewesen, doch was dort als Konzession an das Understatement der lokalen Musiktraditionen nachvollziehbar sein konnte, wirkt bei den Ecksätzen des Youferov-Trios wie eine bedeutsame Spur zu wenig Hingabe an die Musik. Umgekehrt verliert sich das Brahms Trio im Adagio in über-emphatischer Wiedergabe, mit nur wenig Rücksicht auf die architektonische Gestalt des Satzes: Hier wollen die Musiker lieber malen als die Musik wiedergeben, haben auch keine Angst vor salonmusikalischen ‚Ausreißern‘, die in der Komposition bei ernsthafter Interpretation leicht hätten vermieden werden können. Der kurze Booklettext führt hinreichend in die Komponisten und ihre Werke ein, doch hätte man dem Autor etwas mehr Platz gewünscht.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 22.09.2021

Label: Naxos
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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