Magazin: CD-Kritiken
American Quintets

Details zu American Quintets: Kaleidoscope Chamber Collective

American Quintets: Kaleidoscope Chamber Collective

Zwei Komponistinnen und ein Bassist

Zwei große Klavierquintette aus den USA sind echte Entdeckungen, in vorbildlicher Interpretation.

Zwei US-amerikanische Klavierquintette aus der ersten Hälfte das 20. Jahrhunderts – schon das ist nicht alltägliche Kost. Klavierquintette von Komponistinnen aus den USA aus der genannten Epoche sind noch weit rarer. Obwohl das 1907 entstandene Quintet fis-Moll op. 67 von Amy Beach (1867–1944) zu deren bekannteren Werken gehört. Von der Handvoll an Einspielungen ist aber kaum mehr eine lieferbar. So ist es umso erfreulicher, neben Beachs Quintett als Ersteinspielung nun als jüngeres Geschwister das wohl Mitte der 1930er-Jahre entstandene a-Moll-Quintett von Florence Beatrice Price (1887–1953) vorliegen zu haben.

Während Beach während ihrer Ehe das Konzertieren einschränken musste und auch pädagogisch nicht tätig sein durfte, konnte sie sich aber gleichzeitig vornehmlich auf das Komponieren konzentrieren. Finanzielle Sicherheit ermöglichte auch Price eine kompositorische Karriere, und mehr noch aber als Beach hatte sie generationenbedingt die Möglichkeit, Konzertwerke und Sinfonien zu komponieren (ihre Erste Sinfonie konnte 1932 einen ersten Preis beim Kompositionswettbewerb der Wanamaker Foundation erringen), auch wenn diese zu Lebzeiten zumeist unaufgeführt blieben. War Beach noch in Zeiten aufgewachsen, da sich Frauen ihre Emanzipation noch hart erkämpfen mussten, setzte sich Price zunehmend für die afroamerikanischen Bevölkerungsschichten ein.

Große Kunst

Beachs Quintett ist dreisätzig und nachromantischer Harmonik verbunden, mit mehr als einem Hauch Impressionismus; doch auch die deutsch-österreichische Tradition ist hörbar. Gleichzeitig hört man der Musik auch schon Reflexionen in die Zukunft an, bis hin zu Strauss‘ 'Metamorphosen'; das zentrale 'Adagio espressivo' allein verdiente es, dass die Komposition zum Repertoirestück werden sollte. Prices Werk ist etwas knapper vom Umfang, obschon viersätzig, und die Nutzung ‚amerikanischer‘ Melodik ist stärker ausgeprägt, obschon auch hier die musikalische Tradition der vergangenen fünfzig Jahre offenkundig Pate gestanden hat. Auch hier ist besonders der langsame Satz (hier ein 'Andante con moto') ‚Bekenntnismusik‘ – vielleicht lässt es sich als Plädoyer für die in der amerikanischen Gesellschaft Benachteiligten hören? (Leider ist der Booklettext im vorliegenden Fall ausgesprochen oberflächlich und wenig einfühlsam, was die Qualitäten der Musik angeht.) An Scherzostelle bietet Price eine metrisch und rhythmisch intrikate Juba, ursprünglich ein Plantagentanz, erdacht und entwickelt im 19. Jahrhundert von Westafrikanischen Sklaven, die während ihrer Versammlungen bei Strafandrohung keine Trommeln benutzen durften. Price überführt die Charakteristika des Tanzes äußerst effektvoll und elegant in die Kammermusik – und gerade der Kontrast zu dem ‚traditionellen‘ Finale bestätigt ihre große Kunst.

Wie nun passt zu den beiden Klavierquintettwerken nordamerikanischer Komponistinnen ein Werk für Singstimme und Streichquartett eines Mannes, dessen Karriere als Komponist kaum strahlender hätte verlaufen können? Zuspitzend wurde einmal gesagt, dass es in Nordamerika für ambitionierte Komponisten geradezu Voraussetzung sein, homosexuell zu sein. In dieser Hinsicht war Samuel Barber also sozusagen richtig gepolt, und dass privates Glück (die langjährige Beziehung zu Giancarlo Menotti zerbrach nach mehr als vierzig Jahren) und beruflicher Erfolg nicht immer zusammen gehen müssen, kann alle treffen. Seine Vertonung von Samuel Arnolds 'Dover Beach' op. 3 schuf Barber 1931; auch wenn die Uraufführung von einer Mezzosopranistin bestritten wurde, hatte er das Werk für Bariton konzipiert. Die Streichertexturen sind immer wieder in überraschend ‚englischer‘ Weise opak – man vermeint vermuten zu müssen, dass der Amerikaner Vaughan Williams 'On Wenlock Edge' (1909), Warlocks 'The Curlew' (1920-22) oder Ivor Gurneys 'The Western Playland' (veröff. 1926) gekannt haben muss. In der vorliegenden Einspielung unterscheidet sich die Interpretation aber in einer Hinsicht deutlich von den möglichen britischen Vorgängern – Barbers Musik wird hier ausgesprochen emotional-expressiv dargeboten (Matthew Rose, Bass).

Vorbildliche Ergebnisse

Das Kaleidoscope Chamber Collective ist eine flexible Kammermusikgruppierung aus Großbritannien, die sich nach Bedarf konstituiert und der u.a. so bekannte Solisten wie Nicola Benedetti, Guy Johnston, Adam Walker, Alison Balsom, Mary Bevan und Roderick Kennedy angehören. Sie alle eint das Interesse an unbekanntem und innovativem Repertoire, und ihre künstlerische Expertise führt hier zu vorbildlichen Ergebnissen. Man kann sich in der Differenziertheit, dem Aufeinanderhören, der musikalischen Expression kaum bessere Einspielungen wünschen, und auch aufnahmetechnisch ist die Produktion extraordinär.

Auch wenn stilistisch das Barber-Werk ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt, ist die musikalische Wiedergabe jederzeit rundum vorbildlich, und man wünscht der Gruppierung viele weitere spannende Konzeptalben – dann gerne auch in noch ausgewogener Programmgestaltung.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 22.07.2021

Label: Chandos
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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