Magazin: CD-Kritiken
Songs by Sir Arthur Sullivan

Details zu Songs by Sir Arthur Sullivan: The Harmonious Echo

Songs by Sir Arthur Sullivan: The Harmonious Echo

Harmonisches Echo

Abseits der gängigen und hierzulande viel zu selten gespielten Operetten Arthur Sullivans bietet dieses Doppelalbum die Chance, den 'anderen', nämlich den ernsteren Sullivan zu entdecken.

Obwohl Arthur Sullivan zu den populärsten englischen Komponisten des 19. Jahrhunderts gehörte, haben es seine Werke außerhalb der englischsprachigen Welt noch immer schwer. Seine Opern und Operetten sind kaum zu übersetzen und das sowohl in Bezug auf die Texte wie auf den besonderen Humor. Abgesehen vom ‚Mikado‘ oder den ‚Pirates of Penzance‘ finden sich die Welterfolge von Sullivan und seinem bevorzugten Textdichter William S. Gilbert so gut wie gar nicht auf beispielsweise deutschen Bühnen. Dieser Umstand hat leider auch zur Folge, dass man hierzulande die weiteren musikalischen Facetten von Arthur Sullivan nicht wahrnimmt. Seine ‚Irish Symphony‘ oder sein Cellokonzert fehlen in unserem Konzertwesen und der Liedkomponist Sullivan kommt ebenfalls nicht vor. Dabei war Sullivan in diesem Genre überaus produktiv. Das zeigt eine eben beim Label Chandos erschienene Doppel-CD, die im August und November 2020 mit Unterstützung der ‚Sir Arthur Sullivan Society‘ eingespielt wurde. Ihr Titel ist ‚The Harmonious Echo‘ – ein Verweis auf das wohl berühmteste (sofern man auf dem Kontinent davon sprechen kann) Lied Sullivans: ‚The Lost Chord‘.

Auf dem Doppelalbum, das eine Spieldauer von knapp 94 Minuten aufweist, finden sich 23 Lieder auf Texte verschiedener Dichterinnen und Dichter. Wer den schmissigen und ironisch überspannten Sullivan-Tonfall erwartet, wird erstaunt sein über die Melancholie und Schonungslosigkeit der besungenen Themen und Emotionen. Einige Gedichte stammen von Sullivans Zeitgenossin Adelaide Anne Procter, die soziale Missstände ihrer Epoche formuliert und beispielsweise das ergreifende ‚Thou art, weary‘ liefert – ein Wiegenlied für ein verhungerndes Kind. Des Weiteren findet sich Lyrik u.a. von Henry Fothergill Chorley, William Shakespeare, Bishop Reginald Heber, Jean Ingelow, Louisa M. Gray, Emma Catherine Emvury, Rudyard Kipling und auch von William S. Gilbert. Die emotionale Bandbreite ist enorm, der melodische Einfallsreichtum Sullivans ebenfalls. Man muss die Lieder freilich vor dem Hintergrund des viktorianischen Englands hören, um ihre Relevanz und Schönheit schätzen zu können.

Hörbare Leidenschaft

Für diese Einspielung stehen vier junge Sängerinnen und Sänger vor dem Mikrofon, die sich mit hörbarer Leidenschaft und Ernsthaftigkeit den intimen Momentaufnahmen widmen. Begleitet werden sie von David Owen Norris am Flügel. Alle vier Solistinnen und Solisten gehen außerordentlich textdeutlich zu Werke, in ihrer Kunstfertigkeit bezüglich Farben und Suggestion sind die Resultate jedoch sehr unterschiedlich. Mary Bevans‘ Sopran ist von soubrettiger Prägnanz und Energetik, sanfte Linien stehen weniger im Vordergrund und auch die spitze Höhe ist Geschmacksache. Der Tenor Ben Johnson klingt ein wenig so, als hätte er an den Tagen der Aufnahmesitzungen mit einer Indisposition zu kämpfen gehabt. Leicht angeraut ist sein Ton, die Höhen kommen nicht immer mühelos, der durchschimmernde Glanz kämpft mit dem ‚vokalen Nebel‘. Seine besten Momente hat er in ‚Little Maid of Arcadee‘ und vor allem in ‚The Maiden’s Story‘, weil er hier Mut zu zarten Klängen und ausdrucksvoller Sanftheit beweist, alles ohne Druck.

Sehr überzeugend präsentieren sich die Mezzosopranistin Kitty Whately und der Bass-Bariton Ashley Riches: Whately mit ihrem samtig goldenen Timbre und der Tiefe ihres Ausdrucks, Riches ebenso durch seine Intensität und die fein dosierte Dramatik seines gepflegten und kernig zupackenden Gesangs. ‚Thou art, weary‘ ist bei Whately in den besten Händen, die beiden Lieder ‚Looking Back‘ und ‚Looking Forward‘ macht Riches zu Glanzlichtern.

Zuverlässige Unterstützung

Der weitgehend positive Gesamteindruck dieses Lied-Projekts schrammt leider immer wieder an einem latent ‚altbackenen‘ Stil entlang. So haben beispielsweise die ‚Living Poems‘ auf einen Text von Henry Wadsworth Longfellow in der Interpretation von Kitty Whately einen schwer betulichen Unterton. Auch der Pianist David Owen Norris scheint sich ein wenig autistisch oder geschmackvoll bedeckt hinter seiner Klaviatur zu verkriechen. Aufregend oder besser anregend ist diese Begleitung nicht, sie unterstützt vielmehr zuverlässig und verlässt nie den Rahmen des Schicklichen. Beim finalen ‚The Absent-Minded Beggar‘, das am ehesten an die Operettenklänge Sullivans (inklusive eines kleinen Chores) erinnert, möchte man dem Spiel Owens schon fast etwas Schwungvolles und Verschmitztes attestieren, wären da nicht die vorangegangenen 90 Minuten, die ein anderes Bild verfestigt haben.

Der Eindruck des hier genutzten ‚Old fashioned style‘ kann den Hörer ohne Frage mit Ratlosigkeit konfrontieren. Vielleicht ist es aber wieder nur ein eklatantes Verständnisproblem, das Zwischentöne, Feinheiten und Energien den nicht-englischen Ohren im ungeschicktesten Fall verborgen hält. Trotzdem ist dieses wichtige Doppelalbum eine Reise zum ‚anderen‘ Sullivan ohne Frage wert.


Benjamin Künzel, 10.08.2021

Label: Chandos
Interpretation: 
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