Magazin: CD-Kritiken
Louis Kaufmann plays...

Details zu Louis Kaufmann plays...: Werke von Chausson, Strauss, Delius, Milhaud, Schubert, Kreisler u.a.

Louis Kaufmann plays...: Werke von Chausson, Strauss, Delius, Milhaud, Schubert, Kreisler u.a.

Konzertantes vom 'Ghost Fiddler'

In Hollywoods legendären Jahren war er der 'favourite ghost fiddler' ? mit dieser 6-CD-Box kann man Louis Kaufman aber auch als höchst engagierten klassischen Geiger kennenlernen.

Selbst wenn Sie sich nicht wirklich für Musik interessieren, haben Sie das Violinspiel dieses Herrn höchstwahrscheinlich schon einmal gehört: Louis Kaufman. Der US-amerikanische Geiger (1905–1994) trug den schönen Beinamen 'Hollywood‘s favourite ghost fiddler' – eine Anspielung auf seine zahlreichen Soli in Filmmusik zu Klassikern der Leinwand. Kaufman spielte unter anderem in 'Gone with the Wind' und 'Casablanca' und prägte damit jenen sehnsuchtsvoll-schmachtenden Ton von Violinsoli, der in emotionalen (Liebes-)Szenen Hollywoods wieder und wieder auftaucht. Kaufman war dabei natürlich nicht sichtbar – eben der 'Ghost fiddler'. Hinter dieses erfolgreiche Film-Engagement trat die Konzert-Karriere des Geigers zurück, obwohl er als Kammermusiker und Solist im klassischen Bereich mindestens ebenso engagiert war wie für die Leinwand-Branche. Kaufmans besonderes Interesse galt der (damals) zeitgenössischen Musik von Milhaud, Barber und Guarnierei, was mit dieser 6-CD-Box des Labels Profil/Edition Günter Hänssler dokumentiert wird. Die Aufnahmen aus den 1940er und 1950er Jahren leiden zwar ein wenig am ‚historischem‘ Klang, zeigen Kaufman aber dafür in der Blüte seiner Kunst, sowohl mit bekanntem Repertoire als auch mit echten Raritäten der Schallplatte.

Die sattsam bekannten Stücke – die Konzerte von Mendelssohn und Barber etwa, die Franck-Violinsonate oder Vivaldis 'Vier Jahreszeiten' – präsentiert Kaufman sicherlich mit glutvollem Ton und höchstem Engagement, aber es gibt eben heutzutage jede Menge Aufnahmen dieser Werke mit erheblich besserem Klangbild. Um 1950 rauschte und schepperte es nun mal ganz schön, vor allem bei Klavierbegleiter Artur Balsam, aber auch bei den diversen Orchestern. Für Hörer, die heutige akustische Standards gewöhnt sind, kann das qualvoll sein. Wer den ‚antiquierten‘ Ton mag und dadurch an die gute, alte Zeit erinnert wird – dem könnte es gefallen. Was man allerdings in Kauf nehmen muss: Kaufmans (an sich sehr solide) Klavierbegleiter sind wirklich Begleiter, ordnen sich der Violine also deutlich, manchmal zu deutlich, unter. Kein Problem bei diversen Virtuosenstücken von Kreisler und Alois Drdla, schwieriger in der ausgewachsenen Franck-Sonate, die an sich zwei Musiker benötigt, die sich auf Augenhöhe begegnen.

Edelstein der Literatur

Der höhere Wert dieser Kollektion liegt meines Erachtens in den Stücken, die heute größtenteils in Vergessenheit geraten sind: Die Violinsonaten von Frederick Delius, Qunicy Porter oder Aaron Copland. Zwar sind die akustischen Standards auch hier gewöhnungsbedürftig, aber weil die Stücke nur selten zu hören sind, nimmt man das gerne in Kauf. Gerade die ausgesprochen farbige Delius-Sonate ist ein echter Edelstein der Literatur, den Kaufman und sein Klavierbegleiter Theodore Saidenberg hier höchst gelungen interpretieren. Da verschmerzt man auch, dass es das eine oder andere mit in diese Sammlung aufgenommene Stück gibt, das den Test der Zeit definitiv nicht bestanden hat, etwa die epigonale zweite Sonate von Camargo Guarnieri.

Wie interessant diese Box mit 6 Silberscheiben für den jeweiligen Hörer ist, hängt also nicht zuletzt vom konkreten Interesse am gespielten Repertoire ab – und der Bereitschaft, für historische Aufnahmen auch einen historischen Klang hinzunehmen. Bezüglich seiner geigerischen Klasse und Souveränität musste Kaufman jedenfalls keinen Vergleich scheuen, das beweisen diese Aufnahmen zur Genüge. Und wie die 'Vier Jahreszeiten' gänzlich unhistorisch geklungen haben, das ist ja auch mal ein spannendes Experiment. Wem es nicht gefällt, der kann im Anschluss immer noch zu einer historisch informierten Aufnahme zurückkehren. Apropos Information: Das Beiheft erzählt uns einiges aus Kaufmans Vita, jedoch nur sehr wenig zu den hier versammelten Werken. Das ist bei Mendelssohns Konzert wohl auch nicht notwendig, hätte aber schon sein dürfen bei wenig bekannten Tondichtern wie Drdla, Bennett oder Porter.


Dr. Michael Loos, 21.07.2021

Label: Profil - Edition Günter Hänssler
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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