Magazin: CD-Kritiken
Werke von Hummel, Weber, Mendelssohn

Details zu Werke von Hummel, Weber, Mendelssohn: Matthias Kirschnereit, Frankfurt Radio Symphony, Michael Sanderling

Werke von Hummel, Weber, Mendelssohn: Matthias Kirschnereit, Frankfurt Radio Symphony, Michael Sanderling

Mit Charme und Substanz

Pianist Matthias Kirschnereit und das HR-Sinfonieorchester brillieren mit Klavierwerken von Johann Nepomuk Hummel, Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy.

Eine wohltuende Wiederentdeckung für das Klavier als Soloinstrument ist das Klavierkonzert a-Moll Nr. 2 op. 85 von Johann Nepomuk Hummel. Zusammen mit dem Konzertstück F-Moll op. 79 von Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohns 'Capriccio brillant' hat es der Rostocker Klavierprofessor Matthias Kirschnereit (*1962) gemeinsam mit dem HR-Sinfonieorchester unter Michael Sanderling für das Label Berlin Classics in Co-Produktion mit dem Hessischen Rundfunk eingespielt. Da treffen musikalisch ideale Partner auf Augenhöhe aufeinander, die diese Musik der Spätklassik oder Frühromantik – je nach Sichtweise – mit Herzblut angehen.

Beeindruckend in Hummels Klavierkonzert ist gleich der Kopfsatz, der immerhin sechzehneinhalb Minuten verschlingt. Das ausgedehnte Orchestervorspiel stellt Sanderling mit Biss, aber auch getragener Melancholie voran. Die naive Flöte hat dort genau so ihren Platz wie das dramatische Streichertutti. Die Musiker des HR entrollen hier wirklich einen gefälligen Klangteppich für den Solisten, der in gewohnt souveräner Manier seinen Part angeht. Er ist nicht nur der glänzende Virtuose, sondern verleiht diesem 'Allegro moderato' Charme und Substanz. Sein perfekt intonierter Steinway (aus dem HR-Sendesaal in Frankfurt/M.) klingt zum Zeitpunkt der Aufnahme im Dezember 2020 tatsächlich ‚wie Gold und Sterne‘, so sagt es der Pianist im Booklet selbst über sein Instrument dort und da kann man ihm nur beipflichten: Hier in dieser neuen Aufnahme stimmt einfach sehr vieles: Balance, Timbre, Tempi, Zusammenspiel.

Eloquent

Erlesen, wie Kirschnereit durch nuancierte Rubati den Satz frisch hält und die Produktion direkt wie einen Live-Mitschnitt erscheinen lässt, nur eben ohne störende Nebengeräusche. Das ist sehr fein. Das 'Larghetto' hat nicht ganz das Gewicht des Kopfsatzes, erinnert ein bisschen an Schubert. Auch hier verzaubert der Solist mit galantem Anschlag, denn der kompositorische Geist des Aufbruchs weht hier ebenso. Die Gravität eines Beethoven, auch die Genialität Mozarts sind hier nicht zu spüren, alles atmet deutlich den Duft des Salons, den das einstige Wunderkind Hummel, dessen Vater Kapellmeister an Schikaneders Theater in Wien war, durchlaufen hatte. Sein a-Moll-Konzert, etwa von 1816 (1821 veröffentlicht), zählt allerdings schon zu seinen reiferen Kompositionen seiner zweiten Lebenshälfte, als Beethoven in Wien sein übergroßer Konkurrent war. Erst 1819 findet Hummel schließlich seine ‚Lebensstellung‘ als Kapellmeister des Großfürsten von Weimar. Der letzte Satz seines Konzerts antizipiert mit eloquenter Tonsprache deutlich spätere Werke Chopins, zumindest muss Chopin Hummels Werk gut gekannt haben, als er seine Konzerte ausformulierte. Auch hier gefällt Kirschnereits zupackender Griff, sein graziöses Abwarten, seine Musikalität sowieso. Der 59-jährige ist nach schwächeren Jahren wieder ganz der Alte und zählt zur ersten Liga der deutschen Pianisten, was er im hochvirtuosen Finalabschnitt, wo es einem vor Läufen nur so schwindelig wird, markant unter Beweis stellt.

Carl-Maria von Webers Konzertstück F-Moll op. 79, 1821 erschienen, ist in diesem Jahr exakt 200 Jahre alt. Ein Grund mehr, es auf dieser gelungenen CD einzureihen. Zwei Opern, 'Freischütz' und 'Oberon', machten Weber unsterblich, seine Klaviermusik – darunter 4 Sonaten, zahlreiche Zyklen und Einzelwerke, zwei Klavierkonzerte und eben jenes fabelhaft-melodiöse Konzertstück F-Moll op. 79 – fristen dagegen bis heute ein stiefmütterliches Dasein, so dass Christoph Flamm im Weber-Artikel in Harenbergs Klaviermusikführer noch 1998 schrieb: ‚Die fortdauernde Mißachtung bringt es mit sich, daß Weber wohl der am wenigsten bekannte unter den deutschen ‚Hauskomponisten‘ ist; eine eigentliche Wiederentdeckung seines Werkes steht noch bevor.‘ Wohlan denn: Matthias Kirschnereit leistet dazu einen konstruktiven Beitrag, denn Webers Konzertstück ist wirklich allzu selten nur zu hören.

Freies Fabulieren

Unglaublich romantisch – Holzbläser einfühlsam und sauber! – geht es hinein in dieses 'Larghetto affettuoso'. Da scheint die Zeit still zu stehen, wenn der Pianist ins Geschehen einsteigt und den Bogen schlägt durch fahle Stimmungen in Moll. Mozarts Klaviermusik (Adagio aus dem A-Dur Klavierkonzert) hallt da immer noch nach, Schubert – der 11 Jahre jünger ist – hat bei Weber viel aufgeschnappt. Weber hat als Komponist eine besondere Stärke: Er kann dramatisch denken und fühlen und das auch so konzentriert zu Papier bringen. Freies Fabulieren mit enormen virtuosen Läufen kennzeichnen dieses Werk, das auch die dunklen Seiten des Klaviers aufblättert. Dabei genügen Kirschnereit selbst zarte Töne in der kleinen Kadenz, die dann in das raue 'Allegro passionato' münden, bei dem zunächst das Orchester ein Wörtchen mitzureden hat . Das Soloklavier hält da vor allem die Motorik am Laufen. Kirschnereit ist da klanglich ein bisschen vordergründig aufgenommen, so dass die Flöte und später das Fagott in tieferer Lage ihre Mühe haben, sich Gehör zu verschaffen. Hier hätte Sanderling ruhig etwas korrigierend dämpfen dürfen. Das Fagott hat nochmal seinen großen Auftritt zu Beginn des Adagio, bevor die Musik ins volkstümliche ‚Tempo di Marcia‘ schwenkt: Ein populärer Schachzug des Meisters. Das hält auch heute noch die Konzerthörer bei der Stange. Das Klavier legt dann völlig überraschend virtuos los und Spritzigkeit ist hier Trumpf. Ein Kabinettstück!

Noch eindringlicher und dichter verfasst scheint das ebenfalls zweisätzige, 'Capriccio brillant' h-Moll op. 22 genannte Konzertstück von Felix Mendelssohn Bartholdy, welches die Platte gelungen abrundet. Mendelssohn schrieb es als 23-Jähriger, wobei er zuvor oft Webers Konzertstück in seinem eigenen Auftrittsrepertoire hatte. Dass Kirschnereit diese beiden Werke nun direkt hintereinander – und quasi zur Gegenüberstellung anregend – verfügbar macht, darf als Glücksfall gelten. Besonders tief fühlt sich der Pianist in Mendelssohns zerrissene Seele hinein, stellt die Kontraste im 'Allegro con fuoco' klar heraus: Brilliert da einerseits mit geschicktester, hochvirtuoser Technik, aber hält andererseits in den solistischen Einlagen ebenso die nötige künstlerische Reife und Abgeklärtheit vor, so dass die Szenen, jenen aus dem 'Sommernachtstraum' oder der 'Walpurgisnacht' ähnelnd, lebendig erscheinen. Die Klammer zu Weber ist evident: Auch Mendelssohn hat einen symphonischen Marsch in sein Werk eingeflochten. Das lässt besonderen Stolz hervorlugen. Die Platte sollten Sie nicht verpassen.


Manuel Stangorra, 27.09.2021

Label: Berlin Classics
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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