Magazin: CD-Kritiken
Michal Bergson

Details zu Michal Bergson: Orkestra Filharmonie Poznanskiej

Michal Bergson: Orkestra Filharmonie Poznanskiej

Auf Chopins Spuren

Auch wenn Micha? Bergson sein Vorbild Chopin nicht erreichte, ist doch zumindest sein Klavierkonzert ein hörenswertes Werk. Von den übrigen Stücken auf dieser CD kann man dies aber leider nicht behaupten.

Micha? Bergson (1820–1898) ist heute, wenn überhaupt, nur noch als Vater des Schriftstellers Henri Bergson bekannt – dass er zu Lebzeiten ein berühmter Pianist war, ist in Vergessenheit geraten. Noch deutlicher gilt dies für seine Kompositionen, die mehr waren als nur Gelegenheitswerke eines komponierenden Pianisten: Mindestens 82 Werke mit Opuszahl liegen vor, doch gespielt werden sie kaum einmal. Das polnische Label DUX bricht nun eine Lanze für den Romantiker.

Hauptwerk der vorliegenden CD ist das 'Concerto symphonique' op. 62 für Klavier und Orchester. Der Titel erinnert an die gleichnamigen Werke von Henri Litolff, in denen das Klavier nicht vom Orchester begleitet wird, sondern ihm als gleichberechtigter Partner gegenübersteht. Bei Bergson ist das, trotz der Betitelung, kaum der Fall: Eher handelt es sich um ein Solokonzert in der romantischen Tradition eines Chopin, bei dem das Orchester dem Pianisten gleichsam den roten Teppich ausrollt. Die übrigen Werke aus Bergsons Feder sind vor allem kurze Charakterstücke für Klavier, außerdem drei kürzere Orchesterwerke. Es musiziert das Philharmonische Orchester Posen unter ?ukasz Borowicz, die Solisten sind Jonathan Plowright (Klavier), Jakub Drygas (Klarinette) und Aleksandra Kubas-Kruk (Sopran).

Der Schwerpunkt im 'Concerto symphonique' liegt auf dem Kopfsatz, der länger dauert als die beiden folgenden Abschnitte zusammen. Neben dem deutlich hörbaren Vorbild Chopin hat wohl auch Schumann seine Spuren hinterlassen, formal und pianistisch war Bergson jedenfalls kein großer Innovator. Nichtsdestotrotz handelt es sich um gut gearbeitete und klangvolle Musik, die bei Plowright und Borowicz in den besten Händen ist. Beide Musiker treffen sehr gut den dramatisch-opernhaften Tonfall dieses Konzertes (der so auch später in den beiden Werken für Sopran bzw. Klarinette und Orchester anzutreffen ist). Damit ist auch ein Problem des Tondichters Bergson angesprochen: Seine Musik hat einen gut identifizierbaren, hochromantischen Ton, der sich aber häufig – ehrlich gesagt, zu häufig – wiederfindet. Im Klavierkonzert helfen instrumentatorische und pianistische Virtuosität noch darüber weg, doch spätestens in den Solowerken für Klavier tritt das offen zu Tage. So sehr sich Plowright auch bemüht: Die Mazurken und die überladene Polonaise (Tracks 4 bis 6) klingen nach einer zweitklassigen Chopin-Imitation.

Engagiert

Neben dem Klavierkonzert ist das gelungenste Werk die 'Szene und Arie' für Soloklarinette und Orchester op. 82 – die nette und gelungene Idee, eine Klarinette gleichsam als 'Vokal-Solistin' zu behandeln. Jakub Drygas sorgt mit seinem erstklassigen Auftritt dafür, dass dieses Stück in angenehmer Erinnerung bleibt. Schwieriger wird es in 'Il Ritorno' für Sopran und Orchester,  das trotz seiner an sich angenehmen Kompaktheit von Aleksandra Kubas-Kruk etwas eintönig interpretiert wird. Die Anlehnung an die populären Opernweisen ist Bergson hier auch nicht gut gelungen. Allgemein liegt es jedenfalls an den Werken selbst, wenn hier und da ein durchschnittlicher Eindruck entsteht: Das Posener Orchester musiziert mit hohem Engagement, und auch die Klangqualität kann sich hören lassen.

Wird es also eine großflächige Wiederentdeckung der Werke von Henri Bergson geben? Wohl kaum, denn dafür sind seine Werke einfach nicht herausragend genug. Das Selektionsverfahren der Musikgeschichte ist gnadenlos: Gerade unter den Komponisten-Pianisten, die zu Lebzeiten allerhöchste Anerkennung genossen, finden sich zahlreiche, die vollkommen in Vergessenheit geraten sind. Alleine unter Bergsons polnischen Landsleuten wären hier Paderewski, Stojowski und Moszkowski zu nennen. Stojowski hat es hier zudem noch extra schwer, wird er doch sehr häufig mit dem Dirigenten Stokowski verwechselt. Dies beiseite, kann es sich für den interessierten Hörer durchaus lohnen, sich zumindest mit dem 'Concerto symphonique' auseinanderzusetzen. So, wie viele finnische Komponisten nach Sibelius im (riesigen) Schatten von Sibelius standen, stand Bergson eben in Chopins Schatten. Dort allerdings schlug er sich durchaus wacker.

Auch wenn Micha? Bergson sein Vorbild Chopin nicht erreichte, ist doch zumindest sein Klavierkonzert ein hörenswertes Werk. Von den übrigen Stücken auf dieser CD kann man dies aber leider nicht behaupten.


Dr. Michael Loos, 19.08.2021

Label: DUX
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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