Magazin: CD-Kritiken
Bach Nostalghia

Details zu Bach Nostalghia: Francesco Piemontesi, Klavier

Bach Nostalghia: Francesco Piemontesi, Klavier

Spannender Querschnitt

Francesco Piemontesi nähert sich Bach von der transkribierten Seite.

'Nostalghia' lautet der Titel des neuen, bei Pentatone erschienenen Albums von Francesco Piemontesi. Zu finden sind darauf schwerpunktmäßig Bach-Transkriptionen, mehrheitlich – wenig überraschend – von Ferruccio Busoni. Technisch hoch anspruchsvoll und mit etlichen Nebenstimmen ‚aufgedonnert‘ sind dessen Arrangements, Piemontesi schafft es dennoch, für kontrapunktische Klarheit zu sorgen und sich für das schwer zu bewerkstelligende Legato, bei dem nicht selten Dezimen zu greifen sind, nicht in übermäßigen Pedalgebrauch zu flüchten. Besonders gut festmachen lässt sich das am Beispiel des Präludien- und Fugenpaares Es-Dur BWV 552, das aber ausgerechnet – und das ist jammerschade! – unter einem konzeptionellen Missgriff leidet: Beide Sätze wurden auseinandergezogen und umrahmen als erstes und letztes Stück die übrigen Werke quasi programmatisch, was sie leider völlig der musikalischen Kohärenz beraubt.  

Stilistische Kontraste

Verbreiteten Eingang ins Konzertrepertoire haben Busonis Choralvorspiel-Bearbeitungen von 'Nun komm der Heiden Heiland' BWV 659 und 'Wachet auf, ruft uns die Stimme' BWV 645 gefunden. Alfred Brendel hat ersteres gerne als Zugabe gespielt, dessen andächtig-meditative Intensität erreicht Piemontesi nicht ganz. Ein neuer, stilistisch konträrer Aspekt tut sich auf, wenn es danach im 'Italienischen Konzert' BWV 971 an ‚ungefilterten‘ Bach geht. Hier kann Piemontesi mit ausgewiesenen Experten wie Piotr Anderszewski oder András Schiff in Sachen Plastizität der Stimmführung nicht ganz mithalten, im 'Presto' wirkt zudem seine Legato-Diktion nicht unbedingt glücklich. Die dicker aufgetragene, arrangierte Geste liegt ihm da besser – was die Erwartung wiederum insofern etwas überrascht, als er sich auf der anderen Seite durchaus einen Namen als feinfühliger Mozartspieler gemacht hat. In transkribierten Gefilden bewegt er sich danach wieder mit Wilhelm Kempffs expressiv romantisierter Bearbeitung des 'Siciliano' aus der Flötensonate E-Dur BWV 1031. Noch mehr Ausdrucksstärke könnte er hier allerdings mit ein wenig langsamerem Tempo erreichen.

Zwischen Barock und Moderne

Strahlende Klarheit verleiht er den hellen Diskant-Sphären einer echten Rarität: Maximilian Schnaus‘ Bearbeitung von 'Kommst Du nun, Jesu, vom Himmel herunter'. ‚Busoni pur‘ gibt es dann mit dessen Toccata K. 287, wo es klanglich dann auch schon mal etwas derber zur Sache geht. Den neben barocken Anleihen teils deutlich in die Moderne weisenden Tonfall seines Landsmanns trifft Piemontesi hier überzeugend. Insgesamt gut in den programmatischen Kontext gepasst hätte noch Alexander Silotis Übertragung des h-Moll-Präludiums BWV 855a, aber auch so stellt die Produktion einen spannenden Querschnitt durch den Kosmos Bachscher Musik für Tasteninstrumente und den nachschöpferischen Umgang mit ihr dar. Alles das wohlgemerkt auf dem modernen Konzertflügel – mag insofern sein, dass Originalklangverfechter mit dieser CD nicht allzu viel anfangen können.


Thomas Gehrig, 30.07.2021

Label: Pentatone Classics
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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