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Beethoven: The Late Piano Sonatas

Details zu Beethoven: The Late Piano Sonatas: Josep Colom, Klavier

Beethoven: The Late Piano Sonatas: Josep Colom, Klavier

Beethoven mit eigener Note

Josep Coloms ungewöhnliche und in ihrer künstlerischen Freiheit inspirierende Interpretation der drei letzten Klaviersonaten und Bagatellen Beethovens zeigt, dass es nie zu spät ist, auch scheinbar bis ins letzte Detail vertraute Werke neu kennenzulernen.

Die Wahl der Kompositionen, die Josep Colom hier gegenüberstellt, erscheint auf den ersten Blick hin nicht überraschend. Zwei Gattungen der Klaviermusik nebeneinander: die Sonate als Königsgattung, die Beethoven zur Vollendung gebracht hat, und die nicht weniger anspruchsvolle Bagatelle als vordergründig unscheinbare, aber auf einer anderen Ebene umso tiefsinnigere Miniaturform pianistischen Ausdrucks. Was könnte naheliegender sein?

Ein Hörer, der nun aber erwartet, die Bagatellen als Einleitung und die Sonaten als Krönung zu hören, wird sich wundern, sobald die ersten Töne erklingen. Colom beginnt tatsächlich mit einer der Bagatellen, allerdings nicht mit der ersten, sondern mit der fünften, gefolgt von der vierten. Durch diese zwar ungewöhnliche, aber bei näherer Betrachtung sehr raffinierte Reihenfolge, in der er die Bagatellen nicht als Gesamtkomposition, sondern auf drei Einzelblöcke zu je zwei Bagatellen vor und zwischen den Sonaten präsentiert, umgeht er die Hierarchie zwischen den Werken, die andernfalls beim Hörer entstehen könnte. Statt beide Werke voneinander zu trennen und in ihrer Gegensätzlichkeit bzw. Andersartigkeit nur gegenüberzustellen, verwebt er sie zu einem gewaltigen Gesamtkunstwerk, das auf diese Weise eine völlig neue Hörweise ermöglicht. So fungieren die Bagatellen teilweise als Einstimmung auf die Sonate, teilweise aber auch als Impuls, über das eben Gehörte nachzusinnen. Der Hörer kann sich auf die Bagatellen in ihrer Eigenständigkeit einlassen, sie aber auch in ihrer inhaltlich-klanglichen Verbindung mit den Sonaten hören, ohne sich auf eine dieser Möglichkeit festlegen zu müssen.

Der erfrischende, geradezu revolutionäre Gedanke der Interpretation Coloms zeigt sich allerdings nicht nur in der dramaturgischen Neukonzeption, sondern besonders in der Eigeninitiative, die er an den Tag legt, um die Bagatellen noch dichter mit den Sonaten zu verweben. Zwischen der vierten Bagatelle und der Sonate op. 109 erlebt der Hörer zum ersten Mal ein Phänomen, das sich an mehreren Stellen der Aufnahme wiederholen wird. Wie aus dem Nichts heraus erklingen Töne, die nicht von Beethoven stammen, aber bereits das klangliche und melodische Material des ersten Sonatensatzes vorwegnehmen. Colom nutzt den Charakter der ersten Takte, um eine kurze, sowohl fließende als auch abwartend und offen klingende Improvisation zu gestalten, die nicht nur eine sanfte Überleitung erzeugt, sondern erneut die Art des Hörens beeinflusst. Wenn die tatsächliche Sonate beginnt, entsteht das Gefühl, als könne man aufatmen und sich einfach in die Melodie hineinfallen lassen, weil es sich um die konsequente Auflösung des improvisatorischen Gedankens davor handelt.

Mitreißend und ausdrucksstark

Nicht nur in der ungewöhnlichen Dramaturgie und der inspirierenden Freiheit der eingebundenen Improvisationen, sondern auch in ihrem pianistischen Feingespür und der geradezu explosiven Fülle der Klangfarben überzeugt Coloms Interpretation auf meisterliche Art. Zwar ist auch sein Umgang mit der Komposition oft freier, als es gemeinhin üblich ist – bei den Bagatellen verzichtet er konsequent auf Wiederholungen und unterzieht das Tempo teilweise herben agogischen Schwankungen. Zusammen mit den schroffen Gegensätzen in der Dynamik sowie in der Klangfarbe, die sich durch Beethovens Werk ziehen, gibt er der Musik jedoch gerade auf diese Weise eine sehr erfrischende, individuelle Note, die bewusst nicht nur schöne, sondern auch raue, rabiate Klänge mit einbezieht. Was seine Interpretation darüber hinaus in besonderer Weise auszeichnet, ist die Lebendigkeit, die sich in jeder Note zeigt, so z. B. am Anfang von op. 109, wenn die überdeutlichen Akzentuierungen der wuchtigen Akkorde den Eindruck aufgeregten Pulsierens vermitteln, so dass es den Hörer geradezu in Euphorie versetzt.

Diese Aufnahme, die 2019 bei Eudora Records erschienen ist, zeichnet Josep Colom als hervorragenden Musiker aus, dem bei der Interpretation von Beethovens Werk neben der Präsentation ausgezeichneter pianistischer Fähigkeiten auch andere Aspekte wichtig sind. Interpretationen wie diese machen Hoffnung auf klangliche Fortsetzungen.


Dr. Uta Swora, 14.05.2021

Label: Eudora
Interpretation: 
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Booklet: 




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