Magazin: CD-Kritiken
Brahms: Klavierstücke op. 116-119

Details zu Brahms: Klavierstücke op. 116-119: Yunus Kaya, Klavier

Brahms: Klavierstücke op. 116-119: Yunus Kaya, Klavier

Einblick in die kompositorische Seele

Mit seiner bis ins kleinste Detail ausgefeilten und sowohl pianistisch als auch inhaltlich überzeugenden Interpretation gewährt Yunus Kaya dem Zuhörer auf meisterhafte Weise einen Einblick in das anspruchsvolle Herzstück von Brahms' Klavierwerk.

Auch wenn die Klavierstücke op. 116-119 rein zeitlich gesehen nicht zum Hauptwerk, sondern zu den letzten Kompositionen gehören, die Brahms vor seinem Tod schrieb, sind sie in ihrem Ausdruck doch in besonderer Weise charakteristisch. Eine tief empfundene Melancholie zieht sich durch alle vier Sammlungen. Doch so hervorstechend dieses Merkmal zu sein scheint, finden sich etliche Nuancen und Emotionen, die darüber hinausgehen und die Töne mal aufbrausend, energisch, mal in sich gekehrt und mal kindlich-verspielt wirken lassen.

Der Pianist Yunus Kaya versteht es in beeindruckender Weise, sowohl die unterschiedlichen Temperamente als auch die Grundstimmung der Musik miteinander in Einklang zu bringen und jedem einzelnen Stück seine individuelle Farbigkeit zu verleihen. So wird der Zuhörer mit der Fantasie op. 116 Nr. 1 direkt hineingeworfen in die aufbrausenden Fluten von Tönen, die ihn hinsichtlich einer konsequenten Metrik durch die charakteristische Hemiolenbildung von Anfang an im Unklaren lassen. Kayas Interpretation ist schonungslos in ihrer Rauheit und vielfältig in ihren dynamischen Abstufungen, die wie eine riesige Welle über den Zuhörer hereinbrechen.

Feingespür für Zwischentöne

So beeindruckend Kayas Virtuosität ist, mit der er sperrige Griffe, kompliziert ineinander verschachtelte Rhythmen und halsbrecherische Figuren mühelos, scheinbar spielend bezwingt, so faszinierend ist sein Umgang mit den zarten, leisen Klängen, die dem Bereich der Zwischentöne einen beachtlichen Spielraum ermöglichen. Bei dem Intermezzo op. 117 Nr. 1 beispielsweise ist es nicht nur von der Interpretation des Pianisten, sondern auch von der jeweiligen Grundstimmung des Zuhörers abhängig, ob das Stück als lieblich und zart, als tröstlich oder als unsagbar traurig empfunden wird. Weder die Noten selbst noch die oben stehende Gedichtzeile von Herder – ‚Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön! Mich dauert‘s sehr, dich weinen sehn.‘ – legen sich hier auf eine Interpretation fest, erst die Berücksichtigung des gesamten Gedichts ('Wiegenlied einer unglücklichen Mutter') gibt eine klarer zu deutende Richtung vor. Eben jene Vielschichtigkeit benutzt Kaya für seine Interpretation, indem er einen durchgängig weichen, vollen Klang bevorzugt, die Klangfarbe aber zwischen Hell und Dunkel wechseln lässt und auch das anfänglich vermeintlich stabile Tempo im Verlauf des Stückes mehr und mehr aufweicht, so dass der Mittelteil eine völlig andere Aussage vermittelt als der Anfang. Es mutet paradox an: Je vielsagender Kayas lang geschwungenen Kantilenen in ihrem gefühlvollen, teilweise tieftraurigen Gesang sind, desto mehr Raum schafft er für das, was nicht gesagt werden kann und was jeder Zuhörer nur für sich allein hört.

Im Booklet zu der im Frühjahr 2021 bei Ars Produktion erschienenen CD sagt Yunus Kaya, er wünsche sich für seine Interpretationen, dass sie ‚spontan‘ und ‚fast improvisatorisch‘ klingen. Wenn ‚improvisiert‘ für Kaya bedeutet, dass die Stücke nie an Lebendigkeit verlieren und dem Hörer das Gefühl vermitteln, dass der Interpret seine Spielweise bei jeder neuen Aufführung neu überdenkt, so hat er sein Ziel erreicht. Zu keinem Zeitpunkt entsteht der Eindruck einer antrainierten, auswendig gelernten Interpretation, sondern eher die Wirkung einer stets frisch ersonnenen, für diesen konkreten Moment bestimmten Lösung, die nicht starr ist, sondern flexibel bleibt und Spielraum für Zwischentöne lässt.


Dr. Uta Swora, 20.05.2021

Label: ARS Produktion
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Booklet: 




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