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Schoeck: Frühe Lieder

Details zu Schoeck: Frühe Lieder: Clemens Morgenthaler, Bernhard Renzikowski

Schoeck: Frühe Lieder: Clemens Morgenthaler, Bernhard Renzikowski

Letzter der Romantiker

Der Sänger Clemens Morgenthaler widmet sich einem Unzeitgemäßen: Von dem Pianisten Bernhard Renzikowski am Flügel begleitet, interpretiert er frühe Lieder des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck.

Der Sänger und Kirchenmusiker Clemens Morgenthaler widmet sich einem Unzeitgemäßen. Von dem Pianisten Bernhard Renzikowski am Flügel begleitet, interpretiert er frühe Lieder des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck (1886-1957). Vergessen ist dessen umfassendes Œuvre, in dem das Lied den gewichtigsten Anteil ausmacht, als Komposition für Singstimme und Klavier, als Liederzyklus mit Klavierbegleitung, mit Streichquartett, mit Kammerorchester oder gar Orchester. Hinzu treten Kantaten, Singspiele, Opern und Chorwerke. Rein instrumental ausgerichtete Kompositionen bilden die Ausnahme.

Beethoven-Fan

Othmar Schoeck, 1886 in Brunnen im Kanton Schwyz geboren, entstammte einer Künstler- und Musiker-Familie. Der Vater war Maler und sang, die Mutter spielte Klavier. Der Sohn, Jüngster von vier Kindern, zeigte früh künstlerische Begabungen, experimentierte aber lieber mit seiner Stimme und dem Tonmaterial, als sich auf stupide Klavier-Technikübungen zu konzentrieren. Begeistert von Beethovens 'Fidelio' versuchte er sich immer wieder an der Oper, sein Favorit blieb jedoch zeitlebens das Lied.

Als wolle er es neu erfinden, griff er zunächst auf das Volkslied zurück und entwickelte seine Meisterschaft. Mit eigenen Liedern bestand er 1905 die Aufnahmeprüfung am Konservatorium in Zürich, wo er studierte. 1907 wurde er Meisterklassenschüler bei Max Reger in Leipzig, fühlte sich von dem Theoretiker aber auf fremde Wege gedrängt und kehrte in die Schweiz zurück, überzeugt, sich keiner Schule mehr unterzuordnen.

Bedeutender Liedkomponist

Er vertiefte sich in das Liedschaffen von Franz Schubert, studierte das Kunstlied, folgte begeistert den Spuren von Hugo Wolf. Von ihm übernahm er, was er als dichterisches Lied bezeichnet. Das Melos der Verse steigerte er zur Melodie, die Grundstimmung des Gedichtes bestimmte die Klangatmosphäre, oft ein Ostinato-Motiv, welches das Lied aufbaut. Schoeck beschrieb es als ‚Urzelle‘, worin die eigentliche Essenz enthalten ist, was mehr ist als Grundcharakter und seelische Stimmung. Nach dieser Phase näherte er sich wieder mehr dem Schubert‘schen Vorbild, um der Musik die Eigenständigkeit zu belassen. Im Laufe seines Schaffens entstanden mehr als 400 Lieder. Schoecks Dichter waren die großen Lyriker der deutschen Sprache und immer wieder Hermann Hesse, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband.

Von Hesse stammte der Ausspruch, ein Gedicht habe wenig Wert, wenn es das Vertonen nötig habe. Bei Schoeck sah er dies anders: ‚In Schoecks Vertonungen ist nirgends das leiseste Missverständnis des Textes, nirgends fehlt das zarteste Gefühl für die Nuancen, und überall ist mit fast erschreckender Sicherheit der Finger auf das Zentrum gelegt, auf jenen Punkt, wo um ein Wort oder um eine Schwingung zwischen zwei Worten sich das Erlebnis des Gedichtes gesammelt hat.‘

Harmonische Eruptionen

Auf der CD 'Frühe Lieder' sind 38 Kompositionen der Jugendzeit zwischen 1905 und 1918 zu hören, thematisch und zyklisch voneinander losgelöst, um sie den Dichtern zuzuordnen: Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Ludwig Uhland, Hermann Hesse, Armin Rüeger, Eduard Mörike, Adolf Frey, Friedrich Karl von Gerok, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Carl Spitteler.

Clemens Morgenthaler singt sauber; nahtlos und geschmeidig formt er die Melodien, aber generell zurückhaltend, als wolle er von der schlichten Melodie weglenken auf die vordergründig ebenso schlichte Klavierbegleitung mit ihren harmonischen Eruptionen, überaus delikat wie kontinuierlich vorhanden und von Bernhard Renzikowski sorgsam ausmusiziert. Diese eigenwilligen Brüche werden in späteren Liedern zum unverkennbaren Merkmal des Komponisten, die in seiner Überzeugung als Romantikers die Moderne widerwillig streift. Schoeck verstand das Gedicht als Erlebnis, übersetzt in Stimme und Klang. Dieses Erleben wünscht man sich von den beiden Künstlern. Schoecks Lieder sind eine Entdeckung und Gewinn für Sänger wie Interpreten.


Christiane Franke, 24.06.2021

Label: Querstand
Interpretation: 
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Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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