Magazin: CD-Kritiken
Moments Musicaux

Details zu Moments Musicaux: Yeseul Kim, Klavier

Moments Musicaux: Yeseul Kim, Klavier

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Yeseul Kims Debüt-Album trifft musikalisch ins Schwarze.

Unter dem Titel 'Moments musicaux' hat die koreanische Pianistin Yeseul Kim beim Label Genuin ihr erstes Album vorgelegt. Von Augenblicken und Zuständen ist im Booklet bezüglich der konzeptionellen Werkauswahl zu lesen – beides hält Kim von Anfang an in Schuberts gleichnamiger Sammlung D 780 meisterhaft fest: Hier lässt sie die Musik in sich ruhen, dort inspiriert fließen, dazwischen entlädt sich (wie etwa im Mittelteil des 'Andantino') dynamisches Temperament. Wunderbar weich gefedert gelingt ihr die getupfte Bass-Figur in der linken Hand des bekannten 'Allegro moderato', bei Akzentuierungen bevorzugt sie eher zurückhaltende Gesten – ohne deshalb an Ausdruckskraft zu verlieren. Im cis-Moll-'Moderato' formt sie eindringlich pulsierende Begleitbewegungen und breitet die Akkorde des Mittelteils kontemplativ reflektierend aus. Im 'Allegro vivace' brechen sich aus der Stille heraus kraftvolle Emotionen Bahn, feinfühlig betont sie die rhythmisch tänzelnden Impulse. Im 'Allegretto' schließlich spannt sie weit geschwungene, lyrisch empfindsame Bögen.

Wer diese Stücke schon von Grigory Sokolov oder Alfred Brendel gehört hat, könnte meinen, danach könne nichts mehr kommen – Kim widerlegt diese Theorie: Gerade Brendel als einer der großen Schubert-Pioniere hat immer wieder betont, Musik komme aus der Stille. Kim hat dieses interpretatorische Prinzip definitiv verstanden und in dieser Aufnahme stilsicher umgesetzt. Mit zusätzlich atmungsaktiver Phrasierung und statisch aufgeladenen, vollgriffigen Akkorden nimmt ihr Spiel den Hörer unweigerlich gefangen.

Kontrastreiche Stimmungsbilder

Spannungsgeladene, ineinander übergehende Zustände bilden auch die 'Moments musicaux' des koreanischen Komponisten Uzong Choe (*1968) ab. Eigens auf Bitte der Pianistin hat er diese angefertigt. Bewusst sind sie nicht als in sich geschlossene Stücke konzipiert, vielmehr handelt es sich um fragmentarische Skizzen mit improvisatorischer Haltung. Was in der Trackliste aussieht wie eine wirre Aufeinanderfolge von Zahlen, ist denn auch eine numerisch aufgeführte Auswahl von 10 aus 29 dieser Stücke, die dem Spieler in puncto Anschlagsintensität und sogar Vortragsfolge weitreichend freie gestalterische Hand lassen. Einzig mit der Nummer 29 abzuschließen war der erklärte Wunsch des Komponisten. Mit breit gefächerten Stilmitteln wie plastisch dargestellten Sekundreibungen, filigranen Diskant-Dimensionen oder abrupten Eruptionen zeichnet Kim denkbar kontrastreiche Stimmungsbilder. Sogar im Moment der Aufnahme bot sich ihr, wie sie im Begleittext erzählt, Raum für spontane Veränderungen – allein schon aus diesem Blickwindel eine spannende Rarität.

Klangsensibles Seelenleben

Den dritten Komplex bilden Rachmaninoffs 'Sechs Moments Musicaux' op. 16 in der (ersten) Fassung von 1896. Die unverzichtbare technisch anspruchsvolle Basis besitzt Kim ohne Frage – die musikalische auch. Perlende Sechzehntelketten taucht sie schon im 'Andantino' in ein atmosphärisch dichtes Licht, im 'Andante cantabile' dringt sie klangsensibel in dessen tief melancholisches Seelenleben vor. Im 'Presto' bringt sie die nötige Portion Virtuosität mit, im 'Maestoso' setzt sie geballte pathetische Kräfte frei. Mit stets transparenter Klangschichtung entwirft sie eine durchweg lebendige Dramaturgie.


Thomas Gehrig, 05.04.2021

Label: Genuin
Interpretation: 
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Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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