Magazin: CD-Kritiken
Mysteries

Details zu Mysteries: Sabine Weyer, Klavier

Mysteries: Sabine Weyer, Klavier

Vollendeter Dialog

Die Klaviermusik eines Russen um 1915 und eines Franzosen um 2015 harmoniert überraschend gut.

Zwei große Klavierkomponisten, die man nicht primär als Klavierkomponisten auf dem Schirm hat, im Dialog – das ist eine kluge Wahl, eine sehr kluge Wahl. Neben Skrjabin, Schostakowitsch oder Prokofiev, selbst neben Medtner bleibt Nikolai Miaskovsky nicht selten etwas im Hintergrund. Neun Sonaten hat Miaskovsky geschrieben, zwei davon allein 1949, ein Jahr vor seinem Tod. Immer wieder zentrales Moment der zweiten Sonate fis-Moll op. 13 von 1912 – einer Art kleiner Schwester von Liszts großer h-Moll – ist das ‚Dies Irae‘-Motiv. Leider nimmt Sabine Weyer das eröffnende 'Lento, ma deciso' überraschend technisch-unterkühlt – die expressive Dichte Konstantin Scherbakovs oder Murray McLachlans erreicht sie erst im (bald erreichten) 'Allegro affanato' überschriebenen Hauptteil des Werks.

Auch bei der dritten Sonate in c-Moll op. 19 (1920/rev. 1939) bleibt die Luxemburgerin im Verhältnis zu den älteren Einspielungen (darunter Svjatoslav Richter) zu ‚zahm‘, lotet die Expressivität und Explosivität der Musik zu wenig aus. Da fühlt sie sich in den sechs 'Prichudi' (‚Launen‘) op. 25 (1918/18, rev. 1923) deutlich wohler, die in ihrem deskriptiven, miniaturhaften Charakter der Pianistin näher zu liegen scheinen (in Nr. 3 scheint man eine Referenz an die zweite Sonate anklingen zu hören).

Kraftvoll und inspiriert

Nicolas Bacri hat bisher drei Klaviersonaten gezählt (hinzuzählen könnte man noch die Sonatine op. 28). Die Sonaten Nr. 2 op. 105 und Nr. 3 op. 122 'Sonata Impetuosa' entstanden 2007 (rev. 2008/10) bzw. 2011. Weit extremer noch als in den Miaskovsky-Werken dehnt Weyer im Vergleich zur CD-Premiere mit Éliane Reyes die Zeit in der zweiten Sonate – fast vier Minuten braucht sie länger als die Ehefrau des Komponisten, die die Musik dennoch emotional noch tiefer durchdringt. Bleiben die dritte Sonate und die 'Fantaisie' op. 134 (2014/16) als Tonträgerpremieren, die nicht ausreichen, um der Produktion einen nachhaltigen Platz im Plattenolymp zu sichern (doch vorerst möchte ich sie gerade wegen der Ersteinspielungen nicht missen). Doch die Interpretationen erweisen sich als kraftvoll, inspiriert, substanziell. Und Weyer gelingt es, die Beziehungen zwischen beiden Komponisten, sogar zwischen den entsprechenden Werken der Komponisten (gerade bei der dritten Sonate) beredt herauszuarbeiten. Die 'Fantaisie' (mit Fugenanteilen) verbindet die Extreme der beiden Sonaten, so wie die 'Prichudi' eine Art Zusammenführung der beiden Miaskovsky-Sonaten sind.

Besondere Qualität der vorliegenden Produktion – neben der Erkundung des Raren – ist die herausragende Klangqualität, die das zwar klanglich farbneutrale Instrument in das bestmögliche, klarste Licht rückt. Der deutsche Booklettext ist eine deplorable Übersetzung des französischen Originals.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 25.03.2021

Label: ARS Produktion
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

Unser Service:

 Schriftgröße   + / - 

Drucker Seite drucken

RSS RSS


Anzeigen

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2021) herunterladen (2500 KByte)