Magazin: CD-Kritiken
Juliusz Wertheim: Works for Piano Solo, Sonata for Piano & Violin

Details zu Juliusz Wertheim: Works for Piano Solo, Sonata for Piano & Violin: Pawel Pawlik, Szymon Telecki

Juliusz Wertheim: Works for Piano Solo, Sonata for Piano & Violin: Pawel Pawlik, Szymon Telecki

Wertvolle polnische Fußnote

Juliusz Wertheim und seine unbekannte Klaviermusik und Violinsonate: Salonmusik des frühen 20. Jahrhunderts aus Warschau.

Juliusz Wertheim (1880-1928) – aus bedeutender jüdischer Bankiersfamilie stammend – ist bis in unsere Tage hinein ein eher unbekannter polnischer Pianist, Dirigent und Komponist geblieben. Zu Unrecht möchte man sagen. Einen Eintrag über ihn in der deutschsprachigen Wikipedia-Enzyklopädie gibt es bis dato heute nicht. Erst in den letzten Jahren gibt es Tendenzen, dass sich daran etwas ändern könnte: Nach der CD von Elzbieta Tyszecka mit Klavierwerken 2019 erschien Ende 2020 bei DUX Recording Warschau eine neue CD vorwiegend wiederum mit Klaviermusik von Juliusz Wertheim, eingespielt von Pawe? Pawlik (*1981), diesmal in Kombination mit der Violinsonate fis-Moll op. 18, die als Weltersteinspielung geführt wird. Der polnische Geiger Szymon Telecki hat den Violinpart übernommen und er schlägt sich formidabel durch dieses spätromantische und teils emotional aufgewühlte Opus, selbst wenn die Klangeinstellung der Mikros hier etwas passiv angelegt ist. Bei manchen Passagen ist sein Spiel etwas ruppig-verwegen, zeigt aber gut das Mysteriöse, das in dieser polnischen Musik des frühen 20. Jahrhunderts steckt. Klavier und Violine verbinden sich hier zu geformter Symbiose, wobei der Klavierpart keineswegs einfach ist, im Gegenteil: Pawe? Pawlik zieht alle Register des großen Salons und prescht durch alle schwarzen und weißen Tasten wie ein Meister. Chromatik durchzieht den ersten Satz 'Agitato ma non troppo', der immerhin gute 13 Minuten beansprucht.

Immerwährende Melancholie

Das 'Andante' beginnt schlicht, steigert sich zu warmem, dunklem Gesang in den hohen Lagen der tiefen Violinsaiten. Szymon Telecki färbt den Violinklang sonor und hat ein wolkiges, intensives Vibrato, das wunderbar zu dieser Wagner-ähnlichen Musik passt, die mal schwelgt, mal sanft säuselt. Der Schlusssatz 'Moderato' nimmt noch einmal Fahrt auf und gibt vor allem dem Klavier Raum für virtuose Einlagen, schließlich war der Komponist ja von Haus aus Pianist und hat die Sonate sicher auch selbst oft gespielt. Sie gefiel dem polnischen Ministerium für Kunst und Kultur so gut, dass Wertheim, für dieses ‚Werk außerordentlicher Reife‘ ein hohes Preisgeld zugesprochen bekam. Die Musik endet gefällig, fast handzahm – trotz mancher Schwierigkeiten wie Doppelgriffen im Violinpart – und verströmt eine immerwährende Melancholie, die die beiden Interpreten gut einfangen. Eine gelungene Ersteinspielung dieses 1917 uraufgeführten Kammermusikwerks.

Zuvor im ersten Teil der CD erklingen unterschiedliche Klavierwerke Juliusz Wertheims, zunächst die vier Préludes op. 2. Das sind kleine Miniaturen, musikalische Schnappschüsse, wie sie Pawe? Pawlik nennt, der auch den interessanten begleitenden Text im Booklet verfasst hat. Leider ist er nur auf Polnisch und Englisch abgedruckt, obwohl ein erheblicher Käuferkreis mutmaßlich auch aus Deutschland kommen wird, schließlich erscheint die CD auch auf dem deutschen Markt. Pawlik stammt aus Tschenstochau, wo er eine spezielle Musikausbildung erhielt, ehe er 2000 an die Frederyk Chopin Akademie Warschau in die Klasse von Prof. Kazimierz Gier?od, dann zu Prof. Anna Jastrz?bska-Quinn wechselte. Sein Spiel ist souverän, sein Anschlag präzis, sein Ton süffig; der 41-jährige, der auch Vize-Präsident der Teodor-Leszetycki-Musik-Gesellschaft ist, gibt hier eine professionelle Figur ab. Die eingespielten Préludes lehnen sich in ihrer Art übrigens an jene von Chopin an, ohne Epigonen zu sein. Alles klingt warm und durchdacht gestaltet.

Poetisch-expressiv

Die zwei Préludes op. 5 sind ähnlich poetisch-expressiv angelegt. Hier gefällt das dynamisch weit gefächerte Spiel des Pianisten, der in der Nr. 2 viel Fantasie zeigt. Auch die 'Drei Weisen im polnischen Volkston' op. 13 sind alle unter vier Minuten lang. Wertheim liebte anscheinend die aphoristische Form, die ihm Gelegenheit gab, auf kurzem Raum musikalische Idylle zu formen, denn die Musik scheint ausschließlich für den Auftritt im Salon geschrieben zu sein. Man muss hinzufügen, dass seine Mutter Alexandra Wertheim einen der renommiertesten Salons Warschaus führte, bei dem auch der junge Arthur Rubinstein in Erscheinung trat. In seinen Erinnerungen der frühen Jahre gibt er einige Details dieser Örtlichkeit preis. Schließlich nahm Rubinsteins Karriere hier ihren sagenhaften Anfang und Wertheim war ihm bei seinem Chopin-Spiel stets Vorbild.

Wertheims Impromptu F-Dur op. 6 Nr.1 ist eines der intimsten Werke dieser insgesamt empfehlenswerten Neueinspielung. Pawe? Pawlik kann hier noch einmal seine feine Klaviertechnik anbringen, die ihm müheloses, elegant-weiches Spiel ermöglicht. Mittelstimmen klingen da hervor und sein Pedalgebrauch ist fein dosiert. Mit auf der Platte sind auch noch die deftigen 'Variationen über ein Originalthema' op. 4, die ebenfalls eine gewisse Schwermut atmen, aber dennoch einen gewissen Stolz nicht verhehlen können. In geordneten Bahnen entfalten sich die einzelnen Variationen und beleuchten das Material von unterschiedlichen Seiten. Dabei spielt Pawlik sowohl seine virtuosen wie seine musikalischen Trümpfe aus. Eine erfrischende neue Platte, die das musikwissenschaftliche Spektrum um eine wertvolle polnische Fußnote erweitert.


Manuel Stangorra, 17.02.2021

Label: DUX
Interpretation: 
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Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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