Magazin: CD-Kritiken
Piano Trios by Lazzari & Kienzl

Details zu Piano Trios by Lazzari & Kienzl: Thomas Christian Ensemble

Piano Trios by Lazzari & Kienzl: Thomas Christian Ensemble

Flexibel einsetzbar

Das Thomas Christian Ensemble erkundet Klaviertrio-Raritäten.

Keine Frage, das Thomas Christian Ensemble ist immer wieder für eine Überraschung gut. Ob Mahler oder Johann Strauss für Kammerensemble, ob Streichquartette von Marx oder Weigl – nun also Klaviertrios aus eben jener Epoche, mit der sich die Musiker um den Heifetz-Schüler Thomas Christian profiliert haben. Dabei sind die Namen der Komponisten, um die es diesmal geht, kaum den bekannteren zuzuordnen. Ja, Wilhelm Kienzl mag die eine oder der andere noch von der Oper 'Der Evangelimann' kennen, auch die 2003 erschienene cpo-Produktion der Streichquartette mit dem Thomas Christian Ensemble mag im Hinterkopf erinnerlich sein – doch das Klaviertrio des produktiven Österreichers stand noch nicht auf der Speisekarte. Das viersätzige Werk in f-Moll mit der Opuszahl 13 entstand 1880 kurz nach dem Studienabschluss des 23-Jährigen. Kienzls Erinnerungen nach legte der junge Musiker das noch unfertige Werk Johannes Brahms vor, der grummelte: ‚Modulieren Sie doch hin, wohin Sie wollen! Was geht das mich an?‘ (Brahms begann sein zweites Klaviertrio op. 57 1880.)

Kienzls Komposition ist von durchaus leidenschaftlichem Gestus, doch die Booklet-Anmerkung, dass auch ein Hauch von Salonmusik durch das Stück wehe, verfehlt die Grundästhetik der Musik. Der Verlust des Portamentos in der Interpretation eines Großteils der Kammermusik des 19. Jahrhunderts zeugt vielmehr von einer ästhetischen Verschiebung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, seit der das Portamento gerade in der Kammermusik bis heute nicht selten verpönt ist und von angeblichen Fachleuten als geschmacklos abgetan wird. Natürlich geht es um den geschmackvollen Einsatz des Portamento, wie wir ihn etwa auch in der Interpretation von Thomas Christian (Violine), Attila Pasztor (Violoncello) und Evgeny Sinaisky (Klavier) erleben. Hier ist nichts abgeschmackt oder ‚salonhaft‘ im negativen Sinn, alles ist der ernsthaften Aussage untergeordnet. Und ernsthaft darf man diese Musik getrost nennen, selbst im schwungvollen, unterschwellig an Schubert erinnernden Scherzo und im prachtvollen Finale. Das Adagio arbeitet Kienzl nicht zu einer zehnminütigen Meditation aus – die lichten Texturen und der melodische Reichtum vermitteln eher einen ‚Intermezzo-Charakter‘; gerade die Streicher können hier herrlich in ihren Melodiebögen schwelgen und haben doch expressive Steigerungen. Ein keineswegs leichtgewichtiges ‚Frühwerk‘ Kienzls von beachtlichem Tiefgang.

Lebensfreude und Charme

Von wahrscheinlich 1886 datiert das Klaviertrio g-Moll des in Bozen geborenen Franzosen Sylvio Lazzari (1857–1944), gleichfalls mit der Opuszahl 13. Das Geburtsjahr mag an jenes von Edward Elgar erinnern, doch blieb Elgars Klaviertrioversuch desselben Jahres im Gegensatz zu Lazzaris unvollendet. Wie Kienzl blieb Lazzari später vornehmlich als Opernkomponist im Gedächtnis, ehe er der Vergessenheit anheimfiel. Lazzaris Trio atmet Frische und Wärme, Lebensfreude und Charme – und Verwandtschaft zu zeitgenössischer französischer Kammermusik ist eindeutig vorhanden, nicht zuletzt in bestimmten Harmoniefolgen. Die Ausarbeitung der Texturen ist von großer Sorgfalt, formal ist die Komposition höchst ausgewogen. Hier geht es nicht durchgängig um tiefgehendste philosophische Erwägungen, doch auch der schwebende Gestus des Kopfsatzes, der Wille zur harmonischen Zuspitzung, der schöne Trialog zwischen den Instrumenten ist nicht minder Bekenntnis – zu herzhaftem Musikmachen. Das 36-minütige Werk verfügt über beträchtliche Schönheiten, und die Neueinspielung muss sich nicht hinter der lange vergriffenen Tonträgerpremiere von 1996 (Arion) verstecken. Im Gegenteil hebt das Thomas Christian Ensemble den dramatischen Charakter der Musik noch stärker hervor, in weit besserer Aufnahmequalität. Das Andante ist weit expressiver als der langsame Satz bei Kienzl, ohne aber ganz auf eine gewisse schwebende Leichtigkeit zu verzichten (gerade Christians Portamento ist hier glorios eingesetzt).

Die CD endet mit einer 'Sérénade Viennoise' op. 18 des 1861 aus Prag gebürtigen Wilhelm Jeral (Solocellist der Wiener Hofoper und der Wiener Philharmoniker) – nahe am Kitsch und durch die vorliegende Interpretation vorzüglich geadelt, mit einem gehörigen Schlag Obers, Witz und Schmäh – eine kleine Verneigung vor Fritz Kreisler anno 1922.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 28.12.2020

Label: cpo
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