Magazin: CD-Kritiken
Liszt, Thalberg: Opera transcriptions & fantasies

Details zu Liszt, Thalberg: Opera transcriptions & fantasies: Marc-Andre Hamelin, Klavier

Liszt, Thalberg: Opera transcriptions & fantasies: Marc-Andre Hamelin, Klavier

Der Flügel als Opernsänger

Marc-André Hamelin spielt virtuose Opernparaphrasen von Franz Liszt und Sigismond Thalberg. Er betont deren kantable, weniger die virtuose Seite.

Opernparaphrasen für Klavier waren im 19. Jahrhundert ein Erfolgsgarant für viele der zahllosen Virtuosen, deren Namen heute teils mehr oder weniger vergessen sind: Tausig, Moszkowski, Brassin, Pabst, sogar bin hin zu Percy Grainger. Marc-André Hamelin beschränkt sich auf seiner neuen Platte auf die Bearbeitungen von zwei der ältesten und bis heute bekanntesten Supervirtuosen: Sigismond Thalberg und natürlich Franz Liszt. Liszt allein schrieb immerhin etwa 70 größere und kleinere Werke, die auf fremden Werken basieren, und in vielen davon fordert er ein absolutes Höchstmaß an virtuosen Fähigkeiten.

Dennoch zitiert das Beiheft Hamelins Kollegen Alfred Brendel wie folgt: ‚Wer der Meinung ist, es gäbe auch nur eine einzige Lisztsche Komposition, deren Hauptzweck darin bestünde, den Virtuosen gymnastisch zu beschäftigen, sollte seine Hände von Liszt lassen.‘ Abgesehen von dem vielleicht etwas eigenartig gewählten Begriff ‚gymnastisch‘ wäre es nun interessant zu erfahren, was denn stattdessen für Liszt der Hauptzweck war, seine 'Ernani'- und 'Norma'-Paraphrasen in derart atemberaubend virtuoser Weise zu gestalten. Aber keine Sorge, Herr Brendel: Ich verspreche, meine Hände von diesen Werken zu lassen.

Marc-André Hamelin hingegen sah für solche Zurückhaltung keinen Anlass, und so hat er außer diesen beiden Werken auch Thalbergs Fantasien über Themen aus Rossinis 'Mose' und aus Donizettis 'Don Pasquale' aufgenommen sowie das Morceau de concert 'Hexaméron', einem Variationenwerk über ein Thema von Vincenzo Bellini, an dem Liszt den Hauptanteil trägt, an dem aber außerdem weitere Virtuosen des 19. Jahrhunderts mit komponiert haben, nämlich wiederum Sigismond Thalberg, Johann Peter Pixis, Henri Herz, Carl Czerny und Frédéric Chopin. Fünf Paraphrasen über italienische Opern also, deren Hauptzweck ohne jeden Zweifel darin besteht, die enormen technischen Fähigkeiten ihrer jeweiligen Autoren in Szene zu setzen. Eine Ausnahme bildet lediglich Chopins Beitrag zu 'Hexaméron', der nämlich eine langsame Variation beisteuerte.

Phänomenale Technik

Nun hat Marc-André Hamelin ja den Ruf des absoluten Über-Virtuosen, so langsam allerdings wird das fast etwas unheimlich. Der Pianist geht immerhin stark auf die 60 zu, und viele Kollegen tendieren in diesem Alter längst dazu, solche extremen Showstücke, das ewige ‚Höher, Schneller, Weiter‘ also, den nachrückenden Generationen zu überlassen: Topfitte, perfekt ausgebildete Junge Wilde, die sich an den Tasten austoben und sich so ihren Ruf erspielen. Nun gut, offenbar hat eben auch der alte Hase Hamelin nach wie vor Lust auf solches Futter, und das Ergebnis gibt ihm auch Recht: Ein Nachlassen seiner phänomenalen Technik ist nicht ansatzweise zu erkennen. Er stellt zwar nicht unbedingt neue Temporekorde auf, dafür aber ist sein Vortrag nahezu makellos.

Sein Ansatz ist völlig anders als der eines Michael Ponti, der vor fünfzig Jahren als einer der ersten in größerer Zahl solche Opernparaphrasen aufnahm: Seine offensive, draufgängerische Art mit donnerndem Fortissimo und rasanten Tempi wirkt eindeutig noch brillanter und nimmt dabei auch mal den einen oder anderen falschen Ton in Kauf. Man hört bei ihm die sportliche Herausforderung besser, und das dürfte bei diesen Showstücken auch durchaus beabsichtigt sein. Hamelins Sache ist das jedoch nicht. Bei ihm wirken noch die technisch vertracktesten Stellen fast mühelos und rund, dafür allerdings auch längst nicht so spektakulär wie bei Ponti.

Doch da es sich bei den meisten der von Liszt und Thalberg aufgegriffenen Themen um Arien handelt, ist auch dieser Aspekt wohl nicht ganz unwichtig: Hamelin lässt das Klavier die irgendwo zwischen all den Akkordkaskaden, Trillerketten, irrsinnig schnellen Skalen und sonstigen Kniffligkeiten versteckten Melodien ganz wunderbar ‚singen‘.


Jan Kampmeier, 06.01.2021

Label: Hyperion
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Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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