Magazin: CD-Kritiken
Morceau pour Piano

Details zu Morceau pour Piano: Tobias Bigger, Klavier

Morceau pour Piano: Tobias Bigger, Klavier

Großer Miniaturist

Auch als Komponist ist Theodor Leschetitzky eine Erkundung wert.

Theodor Leschetitzky (1830–1915) ist heute vornehmlich als Klavierpädagoge ein weitreichender Begriff – doch es ist erfreulich, Leschetitzky heute nicht nur als Pianisten (auf historischer Konserve) und durch seine Schüler zu hören, sondern auch als Komponisten. Sein komischer Operneinakter 'Die erste Falte' (Uraufführung 1867) wurde 2015 durch eine Kammeroperngesellschaft wiederentdeckt (aber nicht eingespielt). Von der Kammermusik gibt es bislang kaum einzelne Stücke auf dem Tonträger, das Klavierkonzert und zweieinhalb CDs mit Klaviermusik entstanden in den 1990er Jahren und sind heute kaum mehr erhältlich. Die vorliegende SACD ergänzt die bisherigen Veröffentlichungen in vorbildlicher Weise, konzentriert auf Werke des Zeitraums 1887–1906 (über deren Entstehung man im Booklet leider nichts erfährt). Insgesamt versah Leschetitzky 49 Werke mit einer Opuszahl.

Tobias Bigger ist mit viel Feingefühl und großer Energie bei der Sache. Die unterschiedlichen Spieltechniken werden mit großer Finesse exekutiert, die Stimmungen der Stücke so in großer Klarheit herausgearbeitet. Ob die quecksilbrige 'Source' (op. 36 Nr. 4), die ironische 'Serenata' (op. 43 Nr. 1), die vier 'Pastels' op. 44 oder die evokative 'Aria' (op. 36 Nr. 1 – gerade mit dem rechten Maß an nicht übertriebener Emotion) – diese Werke zeigen den Meister als großen Miniaturisten. Manche Stücke tragen den Untertitel ‚Étude’, und diese Eigenart eignet auch einigen anderen Stücken.

Natürlich verortet sich Leschetitzky in seiner Zeit – nicht nur durch die Verbindung zu großen Namen (die beiden Klavierstücke op. 47 erweisen offenkundig Chopin die Reverenz). Die Zahl der heute vergessenen Klavierliteratur des ‚langen 19. Jahrhunderts‘ ist Legion und häufig in keiner öffentlichen Bibliothek gesammelt, so dass sich eine genaue Kenntnis der tatsächlichen kompositorischen Eigenheiten nicht nur Leschetitzkys durchaus nicht einfach gestaltet.

Feinheiten

In keinem Fall sucht Leschetitzky die emotionale große Geste – vielmehr sind es die Feinheiten, die ihn interessieren, die er bei seinen Interpreten herausgearbeitet sehen möchte. Die Stücke sind – und das darf auch nicht übersehen werden – für einen durchaus häuslichen Markt geeignet, auch wenn sich viele Amateurmusiker an vielen der technischen Feinheiten die Zähne ausgebissen haben werden. Doch auch für die ‚Besuchspianisten‘, die insbesondere für die Salons der damaligen Zeit eine beachtliche Größe waren und die die gehobene Unterhaltung nicht zu beeinträchtigen hatten, waren Leschetitzkys Kompositionen geeignet.

Ein etwas unpersönlicher Flügel lässt die Musik in all ihrer gelegentlich stark wienerisch angehauchten Vielfalt in brillantem Klang erklingen – ein Instrument mit größerer Individualität wäre für diese Musik aber vielleicht noch günstiger gewesen. So bleibt das Gesamtergebnis, trotz des großen Engagements des Solisten, etwas unverbindlich.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 20.11.2020

Label: BIS Records
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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