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Solitude

Details zu Solitude: James Gilchrist, Tenor, Anna Tilbrook, Klavier

Solitude: James Gilchrist, Tenor, Anna Tilbrook, Klavier

Einsam

Einsamkeit ? sehr verschieden im gedanklichen Ansatz und in der kompositorischen Ausformung. James Gilchrist und Anna Tilbrook fügen das mit Überzeugungskraft und Expertise zu einem unbedingt lohnenden Gesamtbild.

Der Einsamkeit als erstrebtem oder gefürchtetem Zustand unseres Daseins widmet sich die Kunst mannigfaltig, natürlich auch die tonsetzende. Das aktuelle Programm des englischen Tenors James Gilchrist und seiner vertrauten Klavierpartnerin Anna Tilbrook spürt diesem Phänomen nach, plausibilisiert es aus der Perspektive verschiedener musikalischer Epochen und Stile, je charaktervoll und prägend. Henry Purcells von Benjamin Britten – der als großer Stimmkomponist auf diese Weise ebenfalls klingender Teil des Programms wird – bearbeitetes 'O Solitude, my sweetest choice' Z 406 dient dabei als gleichsam existenzialistische Einleitung und öffnet das Programm erstaunlich weit bis in die Gegenwart hinein. Es folgt Franz Schuberts erster Liedzyklus 'Einsamkeit' D 620 auf Texte Johann Mayrhofers: Das Grundgefühl ist das nämliche, ausdifferenziert in die individuelle Perspektive beginnenden romantischen Fühlens hinein, vielfältig in Form und Ausprägung der Einsamkeit, affektiv reich gegliedert, dabei zyklisch drängend.

Der von Jonathan Dove 2017 James Gilchrist gewidmete Zyklus 'Under alter’d skies' auf Trauergedichte von Alfred Tennyson spürt einem anderen Aspekt der Einsamkeit nach: Hier gilt es nicht der romantisch erstrebten oder als Ideal verklärten Einsamkeit – im Mittelpunkt steht die durch den plötzlichen Tod einer wichtigen Bezugsperson schicksalhaft aufgezwungene Form der Einsamkeit, voller Schmerz und Ausweglosigkeit. Doves Tonsprache, von vielen Programmen potenter Ensembles auch aus dem Chorischen bestens vertraut, gründet dabei in der Liedhaftigkeit der Romantik. Das sicher auch, weil der Zyklus bei seiner Uraufführung von Gilchrist und Tilbrook in der Londoner Wigmore Hall programmatisch mit Robert Schumanns 'Dichterliebe' konfrontiert und in Korrespondenz gebracht wurde. Am Schluss des schon bis hierher interessanten Programms stehen Samuel Barbers 'Hermit Songs' op. 29 auf Texte, die aus den Randbemerkungen mittelalterlicher irischer Mönche in deren Manuskripten gestaltet sind. Die pendeln zwischen Welt und Jenseits, zwischen der Zuwendung zum prallen Leben und dem Entrücktsein geistlicher Sphären. Auch Barber ist ein hervorragender Vokalkomponist, dessen maßvolle Moderne verlässlich zur Geltung kommt, klangsinnlich und affektstark.

Expressive Kraft

James Gilchrist erschüttert unmittelbar mit Purcell: Wer sich von diesem Entrée, dieser bezwingenden Melange aus perfekter Musik und vokaler Unmittelbarkeit nicht anrühren lässt, wird mit der poetischen Kraft, die sich in der Verbindung von Lyrik und Musik entfalten kann, vermutlich ohnehin nicht sehr viel anfangen können. Dabei ist Gilchrists reife Stimme durchaus nicht groß, auch nicht schmelzend schön, eher kraftbegabt, klar, in manchem Vokal auch scharf zeichnend. Die Höhen sind sicher, werden aber klanglich eher als Fortsetzung der Mittellage realisiert, als dass sie eigenständig strahlten. Es ist – angesichts der Texte und der programmatischen Konzeption ungemein passend – ein erzählender Gesang, der da zu erleben ist. Gilchrists durchaus vibratoreiche Stimme flackert nicht mehr, wie sie es früher in seinem Hauptmetier, dem oratorischen Gesang, gelegentlich tat, damals gelegentlich gar in der Gefahr, den kontinuierlichen Stimmstrom in Frage zu stellen. Das Geschehen wirkt in dieser Hinsicht sehr viel kontrollierter, auch deshalb mit wunderbar lyrischen Ergebnissen, zum Beispiel bei Dove und Barber. Doch verschwindet dank exzellenter wie natürlicher Diktion nichts im Mahlstrom der Linie. Die dynamische Kontrolle ist fantastisch zu nennen: Gilchrist spielt mit Farben und kleinen Schattierungen, hochdifferenziert. Niemals ist so etwas wie eine ‚mittlere Arbeitslautstärke‘ zu hören, die auch hochdekorierte Vokalisten beim Liedgesang ins Mittelmaß reißen kann. Immer, in wirklich jeder Phrase und Geste wirkt die Gestaltung dezidiert und mit Überzeugung vorgetragen.

Anna Tilbrooks Spiel auf einem Steinway D bringt viel Energie ein, untergründig zwar, aber doch präsent und drängend. Technisch zeigt sie sich jeder Herausforderung gewachsen, wobei außerhalb des Schubert-Zyklus‘ in dieser Hinsicht keine wirklich großen Hürden warten. In ihrem interpretatorischen Ansatz ist sie mit James Gilchrist auf einer hörbar gemeinsamen Linie; dazu disponiert sie alle Stile eigenständig und mit gleichbleibender Sensibilität für deren Besonderheiten. Phrasen werden entschieden gestaltet, pendelnd zwischen wortgezeugter Dramatik und weit sich ausschwingender Linie. Das Klangbild liefert ein stimmiges Gesamtpaket: Stimme und Klavier sind sehr schön balanciert, klar und von reicher Tiefenschärfe.

Einsamkeit – sehr verschieden im gedanklichen Ansatz und in der kompositorischen Ausformung. James Gilchrist und Anna Tilbrook fügen das mit Überzeugungskraft und Expertise zu einem unbedingt lohnenden Gesamtbild.


Dr. Matthias Lange, 19.11.2020

Label: Chandos
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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