Magazin: CD-Kritiken
Ignaz Moscheles: Complete Piano Sonatas

Details zu Ignaz Moscheles: Complete Piano Sonatas: Michele Bolla, Fortepiano

Ignaz Moscheles: Complete Piano Sonatas: Michele Bolla, Fortepiano

Unterkühlt

Die Klaviermusik von Ignaz Moscheles wird in der vorliegenden Einspielung auf Hammerflügel nicht hinreichend zum Strahlen gebracht.

Dass Ignaz Moscheles nur vier vollständige Klaviersonaten hinterlassen haben soll, ist eine Überraschung, schuf doch der aus Prag gebürtige und in Leipzig gestorbene Pianist und Komponist, der seine größten Erfolge in Wien, London und Leipzig feierte, nicht weniger als acht Klavierkonzerte und zahlreiche andere Klaviermusik. Und ein genauerer Blick erweist auch, dass die vorliegende Einspielung auf die frühe Sonatine G-Dur op. 4 verzichtet. Im Zentrum stehen die vier Sonaten D-Dur op. 22 (vor 1815) und B-Dur op. 27 (1814), die Große Sonate E-Dur op. 41 (1816, Beethoven gewidmet) sowie die einsätzige Sonate mélancolique fis-Moll op. 49 (1814-19). (Daneben schrieb Moscheles zwei große Sonaten für Klavier zu vier Händen op. 47 und op. 112.)

Großer Klavierkomponist seiner Zeit

Moscheles reiht sich, das überrascht nicht, in die Reihe der großen Klavierkomponisten seiner Zeit ein – auch wenn dies in der wenig stimmungsvollen, aufnahmetechnisch eher kühlen Einspielung aus Padua nicht so recht zur Geltung kommen will. Michele Bolla hat Moscheles‘ Notentext studiert, die Töne sitzen – doch benötigt die Musik dieser Zeit einen nicht nur fürsorglichen, sondern auch einen verwandten Geist, um zum Strahlen erweckt zu werden. Bolla bleibt an der McNulty-Kopie eines Graf-Hammerflügels von 1819 der Musik viel zu viel schuldig – Michael Krücker hat den Sonaten opp. 41 und 49 auf einem Érard-Instrument weitaus mehr Farben verliehen als Bolla hier. Dies liegt offenbar vor allem daran, dass der Pianist sich nicht regelmäßig mit historischen Instrumenten auseinandersetzt und die Musik des frühen 19. Jahrhundert nicht zu seinen Spezialgebieten zählt. (Gleiches gilt für die Bookletautorin, die das Lied ‚Freut euch des Lebens‘ als Thema des Variationensatzes in Op. 27 nicht identifiziert.)

Vieles an Bollas Spiel klingt überraschend eckig – der Variationensatz in Op. 27 kommt nicht so recht in Fluss, die Lagenwechsel in Op. 41 dialogisieren nicht wirklich. Kontrapunktisches Denken wird nicht herausgearbeitet, und so werden auch die Farbmöglichkeiten des Hammerflügels nicht auf die Musik angewandt. Gelegentlich gerät der Bass zu laut, die Stimmführung in höheren Registern zu dünn – eher eine Frage der Mikrofonierung und des musikalischen Verständnisses als der Möglichkeiten des Instruments. Vor allem aber gerät vieles in Bollas Interpretationen stilistisch grob, von Raffinesse nur gelegentlich eine Spur. Doch selbst die Romanze der Großen Sonate bleibt unimaginiert, selbst die brillanten Passagen eher etüdenhaft als vertieft empfunden. Und obschon Moscheles in London zahlreiche wichtige Etüdenwerke geschaffen hat, wäre es ungerecht, ihn als kompositorisches Leichtgewicht zu verstehen.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 15.10.2020

Label: Brilliant classics
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