Magazin: CD-Kritiken
Herbert Howells: Piano Music 1

Details zu Herbert Howells: Piano Music 1: Matthew Schellhorn, Klavier

Herbert Howells: Piano Music 1: Matthew Schellhorn, Klavier

Nicht nur Gelegenheitskompositionen

Die erste Folge der Einspielung von Klaviermusik Herbert Howells besteht ausschließlich aus Tonträgerpremieren.

Dass es von renommierten Komponisten immer wieder viel zu entdecken gibt, wenn man nur lange genug sucht, beweist die vorliegende Produktion. Herbert Howells (1892–1983) ist als Klavierkomponist im Grunde nur für seine Zyklen 'Lambert's Clavichord' und 'Howells' Clavichord' von 1927 bzw. 1961 bekannt, die auch in Einspielungen auf Clavichord oder Cembalo vorliegen; als weitaus bedeutsamer gilt er insbesondere als Komponist geistlicher Musik im Kleineren wie im Größeren.

Dass Jonathan Clinch im Rahmen der Vorbereitung einer neuen Biografie über den Komponisten nicht nur im Londoner Royal College of Music bislang unveröffentlichte Klaviermusik entdeckt hat, sondern vor allem im Gespräch mit Freunden und Zeitzeugen des Komponisten immer wieder kleinere Stücke Erwähnung fanden, die den Manuskriptbesitzern als Unikate geschenkt worden waren, und diese dann auch zur Veröffentlichung freigegeben wurden, und dass das Gesamtergebnis zwei CDs füllen wird, ist aber schon eine beachtliche Leistung. Der Anspruch und Charakter der einzelnen Kompositionen ist naturgemäß ganz unterschiedlich, doch eines sind diese Kompositionen alle nicht: Gelegenheitskompositionen im üblen Sinne des Wortes, dahingeschrieben, ohne den eigenen Qualitätsanspruch rundum zu wahren.

Fürs Royal College of Music und andere

Die hier vorgestellten Werke spiegeln mehr als sechzig Jahre kompositorischer Entwicklung und bilden doch eine klare Einheit. Sechs 'Summer Idyls' (sic!) von April und Mai 1911 gehörten zu den Kompositionen, die er zur Aufnahme am Royal College of Music einreichte – Klavierminiaturen nicht der neudeutschen Tradition, sondern eher aufbauend auf Arnold Bax, York Bowen oder Cyril Scott. Wer wird bei 'Harlequin Dreaming' (1918) nicht an Scotts 'Pierrot Pieces' oder 'Columbine' (1904/05) denken? Die 'Phantasy' (1917) spiegelt weniger Schumanns 'Fantasiestücke' oder selbst die Klaviermusik Debussys oder Ravels, sondern zumindest nicht minder die kontinuierlich wachsende reiche Klavierliteratur in Großbritannien.

Aus der Zeit der Entstehung von 'Howells‘ Clavichord' stammen zwei kleinere Stücke, die kurze 'My Lord Harewood’s Galliard' (1949) als Hochzeitsgeschenk für den Earl of Harewood mit Howells’ früherer Schülerin Marion Stein (die zugehörige Pavane ist verschollen) und 'Finzi: His Rest', entstanden am 27. September 1956, nachdem er von dem Tod seines Komponistenkollegen Gerald Finzi gehört hatte. 'Finzi’s Rest' ist eine andere Komposition desselben Tages, die in 'Howells‘ Clavichord' Eingang fand. Entsprechend den Anlässen wird der jeweilige Anlass in durchaus komplexer Weise treffend skizziert. Besonders 'Finzi: His Rest' ist ausgesprochen ausdrucksstark und sagt mehr als tausend Worte der Trauer und Betroffenheit.

Die restlichen Stücke der CD entstanden für Pianisten des Royal College of Music – 'Siciliana' (1958), 'Pavane and Galliard' (1964) und die 'Petrus Suite' (1967-73), letztere für die Pianistin Hilary Macnamara mit Bezugnahme auf deren Sohn Peter. Während die 'Siciliana' mit stark chromatisch angereicherter Harmonik eher einen nostalgischen Ton anschlägt, sind 'Pavane and Galliard' von starker Expression. Die 'Petrus Suite' kann man den ‚Kindermusiken‘ für Klavier zuordnen, die seit dem 19. Jahrhundert Komponisten immer wieder zu vielfältigen kleinen Miniaturen inspirieren.

Technik und Ton

Matthew Schellhorn spielt die Stücke mit großem Engagement und tiefem Verständnis im Konzertsaal der Menuhin Music School in Stoke D’Abernon in Surrey. Leider beeinträchtigt ein Konzertflügel ohne recht eigenen Charakter die Wiedergaben empfindlich – auch wenn die Stimmungen der einzelnen Werke klar transportiert werden und die Aufnahmetechnik Schellhorns Spiel in guter Differenzierung einfängt, fehlt doch dem Instrument jener zusätzliche Eigencharakter, der gerade bei bewusst von der Veröffentlichung zurückgehaltenen Kompositionen der Musik eine ganz eigene Aura verleihen können.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 13.11.2020

Label: Naxos
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