Magazin: CD-Kritiken
Rudolf Firkusny - Soloist and partner

Details zu Rudolf Firkusny - Soloist and partner: Rudolf Firkusny, Klavier

Rudolf Firkusny - Soloist and partner: Rudolf Firkusny, Klavier

Nicht immer gefunden

Die Profil-Edition zu Rudolf Firkušný hätte mit noch etwas mehr Mühe zu einer echten Schatztruhe werden können.

Die Diskografie Rudolf Firkušnýs wird auch heute noch immer wieder durch die Veröffentlichung von Konzertmitschnitten und Rundfunkaufnahmen erweitert, neben dem beachtlichen Nachlass an Studioproduktionen, die etwa in einer Sony-Box von 18 CDs im Herbst 2019 zu großen Teilen wieder zugänglich gemacht wurden. Der diskografischer Bestand anderer Labels hingegen ist noch nicht gehoben und bietet reiche Schätze. Das Prinzip hinter den Profil-Boxen basiert leider allzu häufig vornehmlich auf Zufall statt sorgfältiger Recherche. Nicht nur ist die Dokumentation wieder einmal nahezu nichtssagend, eine Einordnung der hier zusammengetragenen Interpretationen ist überdies angesichts einer fehlenden Firkušný-Diskografie nicht ganz einfach. Bei sorgfältiger Durchsicht ergibt sich ein recht erstaunliches Bild, das die Vorzüge und Mängel der Edition leicht nachvollziehbar macht.

Columbia-Studioaufnahmen

Im Februar 1949 entstand die Einspielung von Schumanns Fantasie C-Dur op. 17, gekoppelt mit der 'Träumerei' aus den 'Kinderszenen'; hier ist die 'Träumerei' ohne Not auf eine andere CD verlegt worden. Im Vergleich zu den Capitol-Aufnahmen ist Columbias Aufnahmequalität hier weit besser, Firkušnýs Spiel wird in seinem ganzen Reichtum widergespiegelt (dies gilt leider nicht für alle frühen Columbia-Produktionen). Im Mai 1949 spielte Firkušný mit Tossy Spivakovsky Beethovens G-Dur-Sonate op. 96 ein, die aber erst 1951 zusammen mit Violin-Solostücken veröffentlicht wurde; die Sony-Box enthält auch jene Stücke, in denen Firkušný nicht mitwirkt, nicht aber die Sonate G-Dur op. 30 Nr. 3, die bei gleicher Gelegenheit eingespielt wurde. Spivakovsky und Firkušný überzeugen durch die Intensität ihres Zugriffes – ein Vergleich zu den Brahms-Violasonaten mit William Primrose ist nicht unangebracht.

Nachdem 1949 einige Mozart-Aufnahmen nicht zur Veröffentlichung freigegeben worden waren, spielte Firkušný im März 1950 Mozarts Klaviersonate c-Moll KV 457 und die beiden Fantasien c-Moll KV 396 und 475 ein. Da KV 475 und 457 kompositorisch eng zusammenhängen, ist ihre Trennung auf zwei CDs hier sinnentstellend. Bei den elf Jahren später aufgenommenen Violinsonaten ist Firkušnýs Mozart-Spiel noch differenzierter, möglicherweise auch weil die fortgeschrittene Aufnahmetechnik mehr Klangvaleurs ermöglichte. 1952 erschien die Langspielplatte mit Schuberts Impromptus, die im Oktober 1951 und Februar 1952 eingespielt worden waren. Firkušný erweist sich einmal mehr als Meister der leisen und differenzierten Töne, der Tiefendurchdringung, als ein Interpret, dem man gerne mit großer Konzentration zuhört. 1953 kam eine weitere Klaviersolo-Platte auf den Markt, Firkušnýs erste Einspielung von Janá?eks Klaviermusik (eingespielt im Oktober 1952 und Mai 1953), hier (wie in der Sony-Box) ergänzt um das Concertino für Klavier und Bläser in der Aufnahme von 1954 (nicht in Firkušnýs früherer rarerer Einspielung für Concert Hall 1948 und nicht mit jener Besetzung, die im Profil-Booklet hinterlegt ist). Firkušnýs pionierhafter Einsatz für Janá?eks Musik ist hier unüberhörbar, und die bessere Aufnahmequalität späterer Einspielungen wiegt die Dringlichkeit des früheren Janá?ek-Schülers in dieser frühen Produktion nicht auf.

Der Sony-Box steht die vorliegende Ausgabe klangtechnisch nicht oder nur wenig nach, obwohl nicht die Originalbänder, sondern ‚nur‘ Schallplatten als Klangquelle zur Verfügung standen.

Capitol-Studioaufnahmen

Leider wurden nicht etwa sämtliche Einspielungen Firkušnýs für Capitol Records zusammengetragen (die zeitweise der EMI-Group zugehörten) – dies wäre ein echter Gewinn für den CD-Markt gewesen. Während die Debussy-Platte von 1956, Beethovens 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73 mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter William Steinberg von 1957 (von EMI vielfach weitervermarktet), die Brahms’schen Klarinettensonaten op. 120 in der autorisierten Fassung mit Bratsche (nicht Violine wie im Booklet) mit dem Schotten William Primrose und das Brahms-Recital von 1959 (mit dem kompletten Opus 119), Beethovens 'Frühlings-Sonate' F-Dur op. 24 mit Nathan Milstein von Dezember 1959 (nicht 1958) und die Beethoven-Sonaten-Platte von 1962 enthalten sind, fehlen leider Schumanns 'Davidsbündler-Tänze' und 'Symphonische Etüden' von 1956, Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll op. 37 mit dem Philharmonia Orchestra unter Walter Susskind von 1958 oder Firkušnýs Chopin-Platte von 1959. 1963 erschien bei PaperBack Classics eine Einspielung von Beethovens 'Waldstein-Sonate', die mit der Capitol-Produktion aus ähnlichem Zeitraum zusammenhängt und die auch in der Wiederveröffentlichung der Beethoven-Platte von 1962 enthalten war; die ebenfalls eingespielte späte Sonate op. 109 fehlt aber in dieser Box schmerzlich, ist sie doch sonst in Firkušnýs Diskografie nicht enthalten. Gerade als Beethoven-Pianist beglückt Firkušný durch unprätentiöse Hingabe an den Notentext: Da ist kein Tastenlöwe am Werk, auch kein ‚Intellektualist‘, sondern ein Musiker, der seinen Beethoven kennt und seinen Brahms und bestens darzubieten weiß.

Leider ist der Capitol-Monoklang im Falle der Klavier-Soloplatten (Debussy, Beethoven, Brahms) hörbar eingeengt, so dass sich Firkušnýs Spiel nicht hinreichend entfalten kann. Hier hätte es eines hochbegabten Remasterers (und entsprechender Software) bedurft, um den Interpretationen zu ihrer ganzen Wirkung zu verhelfen. Zwar klingt auch Debussy hier etwas ‚internationalisiert‘, behält aber beträchtliche Wirkung. Die Dramatik von Primroses und Firkušnýs Brahms ist von mitreißender Sogkraft, selten habe ich diese beiden Werke derart emotional stark dargeboten gehört. Die Beethoven-Violinsonate wird im Gegenzug in großer Schlankheit und Eleganz dargeboten, die Violine fast etwas zu wenig präsent. Immerhin erfreuen das Beethoven-Konzert und die Sonate mit Milstein durch guten Stereoklang und ein harmonisches Miteinander.

Decca-Studioaufnahmen

Im Februar und März 1961 entstanden für Decca in New York drei LPs mit der Violinsonate A-Dur von César Franck, gekoppelt mit Mozarts Es-Dur-Sonate KV 481, dazu eine weitere Sonate von Mozart und drei Sonaten von Beethoven – von letzteren ist die Sonate c-Moll op. 30 Nr. 2 hier enthalten. Firkušnýs Partnerin (mit viel Portamento im Franck) ist die aus Wien stammende Amerikanerin Erica Morini (1904–1981), die Universal Music 2013 mit einer Box mit sämtlichen Decca USA-Einspielungen gewürdigt hat (also auch der hier vorliegenden Auswahl). Klangtechnisch haben wir es hier mit den erfreulichsten Beiträgen der Box zu tun, wenn auch Morinis Spiel (mit viel Portamento) im Franck wenig gallischen Charme aufweist; und auch wenn Firkušnýs Spiel feinnervig differenziert ist, bleibt sein Spiel (auch durch die Aufnahmetechnik) etwas zu wenig profiliert weil etwas zu stark im Hintergrund platziert – gerade beim Mozart, wo schon vom Notentext her die Violine dem Klavier untergeordnet sein sollte. Beim Hören dieser Platte träumt man von Firkušný dem Schubert-Sonaten-Pianisten. Rundum am überzeugendsten von den drei Werken ist wohl der Beethoven – auch weil hier die Klangbalance zwischen den beiden Musikern besser gelungen ist als bei den beiden anderen Werken.

Salzburg 1957

Das Salzburger Konzert vom 16. August 1957 mit Janá?eks Sonate 'Z ulice, 1.X.05,', Chopins Sonate h-Moll op. 58 und Mussorgskys 'Bildern einer Ausstellung' wurde 2004 auf Orfeo d’Or vorgelegt, überspielt von den Originalbändern. Firkušný verleiht der Musik jeweils durchaus eigenen starken Charakter, stärker als bei manch geläufigeren Namen; interpretatorisch überzeugen die drei Werke auch durch stilistisch verwandte Herangehensweise. Die Profil-Ausgabe klingt ordentlich, aber reißt nicht mit (im Falle Janá?ek weicht sie am stärksten von der Orfeo-Produktion ab, klingt hier deutlich mulmiger), und die Track-Aufteilung im Falle Mussorgsky ist etwas lieblos.

Edinburgh 1957 und Köln 1960

Die europäische Erstaufführung von Bohuslav Martin?s 'Incantation' (Klavierkonzert Nr. 4) am 30. August 1957 mit dem Philharmonia Orchestra unter Rafael Kubelík war 2008 auf Testament erschienen – in weit besserer (wenn auch nicht ganz optimaler) Klangqualität. Eine äußerst spannungsvolle und spannende Interpretation, der man ihren Pioniercharakter anhört. Kubelík und Firkušný harmonieren deutlich hörbar – hier wie auch im Dvo?ák-Klavierkonzert aus Köln vom 22. Februar 1960. Die 2014 bei Orfeo d’Or erschienene Ausgabe litt unter Gleichlaufschwankungen des originalen Bandmaterials; auch hier ist die Klangqualität nicht ganz unproblematisch – aber mehr noch, langsamer Satz und Finale sind in falscher Reihenfolge auf der CD enthalten.

New York 1960

Auf dem Label Archipel war der Konzertmitschnitt von Brahms‘ Klavierkonzert d-Moll op. 15 mit dem New York Philharmonic unter Hans Rosbaud vom 4. Dezember 1960 erschienen – vom Bandmaterial und dem Remastering nicht ganz unproblematisch, aber elektrisierend in der musikalischen Darbietung vom Dirigenten wie vom Solisten gleichermaßen.

Während also auf die hier vorgelegten Columbia-Produktionen und die Mitschnitte aus Salzburg und Köln (und ggf. Edinburgh – ist aber ein schönes Dokument) hätte verzichtet werden können, hätte eine vertiefte Suche nach den Decca- und Capitol-Schallplatten Firkušnýs (und vielleicht auch die von Sony vergessene Columbia-Beethoven-Sonate) eine nachhaltige und vor allem auch sinnvoll erklärbare Edition zur Folge haben können. Und hätte die frühe Concert Hall-Schallplatte auch noch Berücksichtigung gefunden – umso besser.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 20.10.2020

Label: Profil - Edition Günter Hänssler
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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