Magazin: CD-Kritiken
Bernd Alois Zimmermann: Complete Works for Piano

Details zu Bernd Alois Zimmermann: Complete Works for Piano: Eduardo Fernández, Klavier

Bernd Alois Zimmermann: Complete Works for Piano: Eduardo Fernández, Klavier

Klingendes Experimentierfeld

Eduardo Fernández liefert faszinierende Einsichten in Bernd Alois Zimmermanns Kompositionen für Klavier.

Bernd Alois Zimmermann bezeichnete sich einmal als ‚den ältesten unter den jungen Komponisten‘. Diese ironische Paradoxie beschreibt recht gut das Dilemma der Künstler, deren künstlerische Entwicklung durch die Machtverhältnisse zwischen 1933 und 1945 erheblich gestört wurden, die aber auch dadurch ein sensibles Gespür für gesellschaftliche Probleme entwickelten. Zimmermanns Bedeutung ist heute unumstritten, aber eigentlich gehörte er schon immer zum festen Bestand wichtiger Komponisten der Moderne. Gleichwohl begleiteten sein Schaffen stets simple, polarisierende Strukturierungen als Abgrenzungsrituale zwischen verschiedensten ästhetischen Positionen vor dem Hintergrund einer Dichotomie zwischen Fortschritt und Restauration im Sinne von Theodor W. Adornos 'Philosophie der Neuen Musik'.

Er ist mit seinen pluralistischen Erweiterungen des Zeit- und Materialbegriffs kein Einzelfall. Auch andere Komponisten verwendeten in den Sechzigerjahren Zitate und dokumentarisches Tonmaterial. Signifikant ist, dass Zimmermann, ähnlich wie Heinrich Böll, vehement die Konstruktion einer ‚Stunde Null‘ ablehnte und damit dem linearen Fortschritts- und materialen ‚Reinheitsdenken‘ der seriellen Nachkriegsavantgarde widersprach. Das kann man deutlich bei seinen Werken für Klavier solo erkennen, die die Zeitspanne vom Frühwerk bis zur seriellen Durchstrukturierung der 50er Jahre umfassen.

'Extemporale' besteht aus fünf Kompositionen, die zu einer Suite zusammengefasst sind und einen Einblick in die Frühphase von 1939 bis 1946 geben. Das Suitenmodell ist auch noch deutlich im ersten Teil von 'Enchiridion' aus dem Jahre 1949 zu erkennen. Hier ist Zimmermann noch einer freien Tonalität verpflichtet. Im zweiten Teil von 'Enchiridion' sind schon deutliche Einflüsse von Arnold Schönbergs Dodekaphonie zu erkennen. Schon der Titel ‚Enchiridion‘ (‚Handbüchlein‘) verweist auf die Tatsache, dass es Zimmermann hier um handwerkliche Auseinandersetzung mit dem Tonmaterial ging.

Klangvolle Farbigkeit

Heute, rund 70 Jahre nach der Entstehung dieser Werke, klingen sie wie aus einer anderen Zeit gefallen. Eduardo Fernández gelingt das Kunststück, diesen Kompositionen klangvolle Farbigkeit und forsche Eindringlichkeit abzugewinnen. Die ersten vier Stücke von 'Extemporale' ('Sarabande', 'Invention', 'Siciliano', 'Bolero') werden sorgsam musiziert und fließen spannungsvoll in das abschließende Finale. Ähnliches gilt für die anderen Stücke aus der ‚Lernphase‘ des Komponisten, die sicherlich nicht zum modernsten gehören, was damals komponiert wurde. Für die gilt, was George Gershwin einmal feststellte: ‚In der Musik gibt es nur etwas Wichtiges, nämlich Einfälle und Gefühl. Die verschiedenen Tonalitäten und Töne bedeuten nichts, wenn sie nicht aus Ideen erwachsen. Nicht viele Komponisten haben Einfälle. Die meisten verstehen sich darauf, absonderliche Instrumente zu benutzen, die keine Ideen erfordern. Wer begeisternde Ideen hat, der wird die große Musik unserer Zeit schreiben.‘ Ähnliches gilt auch für 'Enchiridion', das an den Interpreten doch erhebliche Anforderungen stellt. Eduardo Fernández musiziert hier überragend, souverän und mit delikatem musikalischem Gespür für klangliche Möglichkeiten.

Die technisch sehr diffizilen 'Konfigurationen' aus dem Jahre 1956 schließt die Phase ab, in der Zimmermann die Klaviermusik als intellektuell-schöpferisches Experimentierfeld begriff und seine klanglichen Vorstellungen mit äußerster Radikalität umsetzte. Eduardo Fernández arbeitet die klanglichen und rhythmischen Kontraste dieser Musik plastisch heraus. Er verfügt über eine hoch sensibilisierte Genauigkeit, extreme Kontrolle und intellektuelle Zügelung, ohne dabei ins Akademische zu verfallen, und schafft somit eine überzeugende Wiedergabe dieser Musik, die leider bei anderen Pianisten oft in morbide Trostlosigkeit verfällt. Fernández gelingt mit dieser Einspielung eine faszinierende und intelligente Einspielung, die auch unter rein technischem Aspekt keine Wünsche offenlässt. Das Booklet enthält einen lesenswerten Aufsatz des Pianisten.


Michael Pitz-Grewenig, 25.06.2021

Label: BIS Records
Interpretation: 
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Booklet: 




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