Magazin: CD-Kritiken
French Piano Rarities

Details zu French Piano Rarities: Ralv van Raat, Klavier

French Piano Rarities: Ralv van Raat, Klavier

Lose Blätter

Auch auf Notizzetteln können sich wertvolle Schätze verbergen – wie diverse Stücke der hier zusammengetragenen Klaviersammlung.

Auch im Schaffen von Claude Debussy, Olivier Messiaen oder Maurice Ravel gibt es Werke, die selbst dem Kenner nicht rundum geläufig sind. Ralph van Raats prallgefüllte Sammlung von französischen Klavierraritäten versammelt Werke von vier berühmten Komponisten, die von ihrer eher unbekannten Seite vorgestellt werden. Ein knapp einminütiges Menuett cis-Moll (1904) von Maurice Ravel ist indes keineswegs eine bloße Kuriosität, sondern erfährt unter den Händen des Steinway Artists van Raat eine verständige, ausgesprochen evokativ-stimmungsvolle Wiedergabe. Umfänglicher sind die Beiträge von Claude Debussy, eine 'Étude retrouvée' (1915) und 'Les Soir illuminés par l’ardeur du charbon' (1917), erstere entstanden im Rahmen der zwölf Études, das zweite Stück zu Debussys letzten Klavierstücken überhaupt gehörend. Die hochvirtuose Étude und das fast als Nocturne zu bezeichnende Charakterstück nehmen in unterschiedlicher Weise intensiv Bezug auf die Vergangenheit, 'Les Soir illuminés par l’ardeur du charbon' spiegelt jedoch in starker Expressivität gleichzeitig auch die gerade untergehende Epoche.

Messiaens Vogelwelt

Im Zentrum des Programms stehen aber nicht Debussy oder Ravel, sondern Messiaen und Boulez. 1934 entstand Messiaens 'Morceau de lecture à vue' (Stück zum Vomblattspiel), dessen Thema sich später als Liebesthema in Messiaens 'Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus' erweisen würde. Klug ausgewählt sind zwei Sätze aus 'Des canyons aux étoiles' (1974) für Klavier und Orchester, nämlich jene zwei Sätze für Klavier allein: 'Cossyphe de Heuglin' (Heuglin-Rotkehlchen) und 'Le Moqueur polyglotte' (die Spottdrossel); ergänzt werden diese beiden Stücke durch 'La Fauvette passerinette' (Bartgrasmücke) (1961) – in 25 Minuten wird so die reiche Vogelwelt Messiaens in vorzüglicher pianistischer Darbietung vorgestellt.

Als Weltersteinspielung bietet Ralph van Raat Prélude, Toccata et Scherzo des 19-jährigen Pierre Boulez. Der vorzügliche Booklettext, vom Pianisten selbst verfasst, erläutert ausgesprochen einsichtsvoll Boulez‘ musikalische Entwicklung, doch ließen sich neben den von ihm erwähnten Vorbildern sicher auch weitere Einflüsse nennen – allzu reich war die Musikgeschichte selbst der Kriegszeit in Frankreich. Den rundum ‚reifen‘ Boulez finden wir spätestens ein Jahr später in den berühmten 'Notations', in denen Boulez eine Zwölftonreihe auf zwölf unterschiedliche Weisen in jeweils zwölf Takten erkundet. 'Une page d’éphéméride' (Kalenderblatt) (2005) ist natürlich ebenso wenig auf die leichte Schulter zu nehmen wie Alban Bergs Altenberg-Lieder, die ja eigentlich Lieder auf Ansichtskartensprüche heißen.

Auch das Abseitige kann also von größter Bedeutung sein, und Kürze schließt tiefe musikalische Substanz nicht im Mindesten aus. Ralph van Raat ist ein Pianist, der sich auch auf die Erkundung des Kleinsten bestens versteht, ein Musiker, von dem man hoffentlich noch viele Raritäten auf Tonträger und im Konzert erleben wird.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 27.08.2020

Label: Naxos
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Booklet: 




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