Magazin: CD-Kritiken
Prado: Piano Concerto, Aurora, Concerto Fribourgeois

Details zu Prado: Piano Concerto, Aurora, Concerto Fribourgeois: Sonia Rubinsky, Minas Gerais Philharmonic Orchestra, Fabio Mechetti

Prado: Piano Concerto, Aurora, Concerto Fribourgeois: Sonia Rubinsky, Minas Gerais Philharmonic Orchestra, Fabio Mechetti

Brasilianischer Krimi

José Antônio de Almeida Prado, Komponist aus Brasilien, ist ein Meister der Klangfarben und Spannung. Die Klavierkonzerte fesseln vom ersten bis zum letzten Ton.

Wenn man das 1. Klavierkonzert von Almeida Prado anhört, stellen sich eine Menge Assoziationen zu Klavierkonzerten in der Musikgeschichte ein. Man entdeckt Fetzen von Ravel, Cluster à la Ligeti, Rhythmusblöcke wie bei Strawinsky und noch vieles mehr. Dazu noch eine gehörige Prise brasilianischer Rhythmen – und fertig ist die Komposition?

Mit einer solchen Zusammenfassung wird man dem Komponisten Almeida Prado alles andere als gerecht. Es steckt unendlich viel mehr in dem Werk, ja man hört vom ersten Ton an gebannt zu und wird regelrecht in die Musik hineingezogen wie bei einem Krimi. Der Aufbau lehnt sich an klassische Formen an. Das Konzert beginnt mit einem Intervallthema und ähnelt dem Beginn des fünften Klavierkonzerts von Beethoven: Akkorde im Orchester und dagegengesetzte Klänge des Klaviers, diese allerdings in den tiefsten Tiefen des Instruments, wuchtig herausgehauen und durch Pedal verstärkt. Schon hier benötigt die Pianistin Sonia Rubinsky viel Kraft. Das zieht sich durch das komplette Stück – sie meistert diese sportliche Herausforderung souverän. Das Konzert besteht aus neun Abschnitten, darunter ein verträumter langsamer Satz als Zwiegespräch von Klavier und Celesta, eine lebhafte brasilianische Toccata mit Trommel und Pauke im Vordergrund, zum Schluss wird es wieder monumental.

Europäische Einflüsse

Almeida Prado, 1943 in Santos geboren, hat, wie jeder südamerikanische Musiker, wenn er es sich leisten kann, eine Zeit in Paris bei Nadia Boulanger und Olivier Messiaen studiert. Er interessierte sich aber auch für andere europäische Größen wie Stockhausen, Boulez und Ligeti. Dabei vergaß er nicht, was er vorher zuhause in Brasilien beim großen Carmargo Guarnieri gelernt hatte. All das fließt in seine Kompositionen ein, führt aber zu einem sehr persönlichen, eigenen Stil. Das zweite Klavierkonzert auf der CD, das 'Concerto Fribourgeois', stammt, wie auch das 1. Konzert, aus den 1980er Jahren. Es wurde von Mäzenen der Schweizer Stadt Fribourg zum 300. Geburtstag von J.S. Bach in Auftrag gegeben. Almeida Prado benutzt hier barocke Formen wie die Ouvertüre, die Passacaglia und wieder die Toccata, alles mit dem Motiv B-A-C-H verbunden.

Noch ein drittes Klavierkonzert ist auf der CD zu finden: Das erste, von 1975, betitelt mit 'Aurora'. Es lässt sich eher zur Reihe der 'Cartas celestes' rechnen, eine Serie von sechs Werken des Komponisten. 'Aurora' beschreibt mit allen erdenklichen Klangfarben den Beginn des Tages mit der aufgehenden Sonne. Wie später beim 1. Klavierkonzert fallen schon hier die kraftvollen Cluster in der schwärzesten Tiefe des Klaviers auf.

Almeida Prado starb 2010 mit 67 Jahren. Er spielte eine bedeutende Rolle im brasilianischen Musikleben, war Lehrer an der Universität von Campinas und hätte es verdient, auch in Europa bekannter zu werden. Dazu kann diese CD beitragen, denn sowohl die Kompositionen als auch die Interpreten haben ein hohes künstlerisches Niveau. Die Aufnahme wurde eingespielt vom Orchester des Bundesstaates Minas Gerais unter Fabio Mechetti. Die Pianistin Sonia Rubinsky verfügt über eine phänomenale Technik, eine unermessliche Farbpalette im Anschlag und ein unbändiges Temperament. Sie erinnert damit ein wenig an ihre Kollegin Martha Argerich.


Elisabeth Deckers, 31.08.2020

Label: Naxos
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