Magazin: CD-Kritiken
Fremde Heimat

Details zu Fremde Heimat: Rafael Fingerlos, Sascha El Mouissi

Fremde Heimat: Rafael Fingerlos, Sascha El Mouissi

Ewiger Wanderer

Rafael Fingerlos und der Pianist Sascha El Mouissi präsentieren mit ihrem neuen Album 'Fremde Heimat' ein mutiges und spannendes Programm von höchster Authentizität.

Rafael Fingerlos und der Pianist Sascha El Mouissi sind mit einem neuen Liedprogramm zurück beim Label Oehms. 'Fremde Heimat' nennen sie den Reigen von 21 Liedern unterschiedlichster Stile, Epochen und Sprachen. Das mag auf den ersten Blick ein wenig irritieren, weil dieses Konzept eben einmal nicht auf dem gängigen Prinzip beruht, größere Liedportion von zwei bis drei Komponisten auf einem Album zu kombinieren. Es wird aber nach wenigen Minuten bereits sinnfällig – gerade auch, nachdem man den kurzen von Fingerlos selbst geschriebenen Beitrag im Booklet gelesen hat. 'Fremde Heimat' ist ein kleines Mini-Drama, quasi ein persönlicher Zyklus, der mit einer losen, aber intakten Dramaturgie spielt. So beschreitet der Protagonist den Weg aus der Heimat in die Fremde, auf der Suche nach Abenteuer, nach Neuem, vielleicht auch nach Vergessen. Die Gedanken kreisen, entwickeln sich, der Weg führt kurz zurück nach Hause, um dem alten Leben dann endgültig Lebewohl zu sagen.

Erzählwille

Allein die Mühe, ein solch ungewöhnliches und mutiges Programm zusammenzustellen, um es dann auch noch mit so viel Herzblut zu präsentieren, verdient besondere Beachtung. Damit fällt die 2019 eingespielte CD auch aus dem Rahmen gängiger Lied-Alben – sie stellt nicht in erster Linie den Interpreten oder einen Komponisten in den Vordergrund, sondern ist ein kaum aufzudröselndes Gesamtprodukt, das vor Gedanken, Emotionen und dem unbedingten Willen, etwas zu erzählen, nur so überläuft. Ein Lied leitet zwingend in das folgende über, die verschiedenen Stile und Sprachen erklingen in ihren Kontrasten folgerichtig als Spiegel der Wahrnehmung, der inneren Verfassung.

El Mouissi und Fingerlos sind seit einigen Jahren ein erfolgreiches Lied-Duo und das spürt man. Der Pianist erweist sich als sensibler Begleiter, der alle dynamischen und agogischen Wege im Einklang mitbeschreitet. Stärker als auf ihrem ersten Oehms-Album 'Stille und Nacht' erlaubt sich Sascha El Mouissi auch den Gestus eines gleichberechtigten Dialogpartners, lässt beredte Kommentare aufblitzen oder bereitet den Grund für die emotionale Reise.

Raffinierter Vortrag

Dem jungen Wanderer leiht Rafael Fingerlos seinen edlen, klangvoll dahinströmenden Bariton. Die Stimme ist von großer Wärme, die Artikulation vorbildlich. Fingerlos will Geschichten erzählen, den Hörer erreichen. Mit Johannes Brahms‘ 'Keinen hat es noch gereut' eröffnet das Programm, in all seiner Energie hart an der Grenze zum überfordernden Übermut. Dunkel und markant klingt hier Fingerlos‘ Bariton, eine Tönung, die er auch bei einigen anderen Liedern verwendet – vor allem bei jenen von Brahms, die ihm besonders intensiv und glaubwürdig gelingen. Aus den folgenden Liedern von Alma Mahler, Richard Strauss, Robert Fürstenthal, Robert Schumann, Franz Schubert, Peter Warlock, Charles Ives, Hugo Wolf, Albin Fries und Felix Mendelssohn Bartholdy lassen sich schwerlich Höhepunkte benennen. Manche Nummer ist in ihrem Erleben kurz wie ein Wimpernschlag, andere breiten sich aus. Wo es ein langsames Tempo zulässt, hat Fingerlos am meisten Gelegenheit, die Schönheit seiner Stimme und seine Raffinesse des Vortrags wirksam zu entfalten: ein klangvoll sanftes Höhenpiano in Alma Mahlers 'Die stille Stadt' oder in Fries‘ 'Über allen Gipfeln ist Ruh', dann wieder die Ernsthaftigkeit und tiefe Emotionalität bei Schuberts 'Wandrers Nachtlied II'.

Der möglichen Melancholie scheint der Sänger aber eher skeptisch gegenüber zu stehen. Überhaupt gibt es ein paar wenige Lieder, in denen man sich mehr Mut in der Gestaltung wünschen könnte – vielleicht sogar eine Spur von ehrlichem Pathos, zu dem Fingerlos fraglos in der Lage wäre. Schuberts 'Musensohn' ist prachtvoll intoniert, aber wenig gefüllt. Auch die 'Zueignung' oder der 'Nachtgang' von Richard Strauss haben sich in ihrer Souveränität und Raffinesse noch nicht ganz auf der Höhe eingepegelt, wo andere Werke bereits von Fingerlos interpretiert werden.

Das fällt aber im Gesamteindruck kaum ins Gewicht, weil man von der Stringenz des Programms und dem unverstellten, kongenialen Zusammenwirken beider Künstler durchweg gefesselt ist. Und die Platzierung der einzelnen Lieder im Gesamtzusammenhang verlangt vielleicht auch hier und da eine andere Dosierung der Mittel, als man es erwarten mag.

Ein wirklicher Coup gelingt dem Lied-Duo am Ende des Albums mit dem alpenländischen Volkslied 'Deine Händ mecht i gspian', das Fingerlos in Mundart vorträgt. Jede Künstlichkeit verfliegt, der Sänger ist ganz bei sich und seinen Gedanken. So unaufgeregt und schlicht, wie Fingerlos und El Mouissi dieses Lied vortragen, treibt es einem ungefragt die Tränen in die Augen: ein Stück Heimat in der Fremde, wo einem die Heimat nicht mehr fremd erscheint.


Benjamin Künzel, 09.09.2020

Label: OehmsClassics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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