Magazin: CD-Kritiken
Jozef Elsner: Chamber Music

Details zu Jozef Elsner: Chamber Music: Jozef Kolinek & Friends

Jozef Elsner: Chamber Music: Jozef Kolinek & Friends

Kammermusik vom

Kammermusik aus der k.u.k.-Provinz Lemberg von Jozef Elsner: ganz und gar nicht provinziell.

Wie gut, dass es Jubiläen als Anlass gibt, auf Phänomene in der Musikgeschichte aufmerksam zu werden, die man normalerweise übersieht. Im vergangenen Jahr war so ein Jubiläum: der 150. Geburtstag von Joseph (Józef) Elsner. Hierzulande kennt man den Namen nur in Zusammenhang mit Frédéric Chopin, der am Konservatorium in Warschau Elsner als entscheidenden Lehrer und Förderer genoss. Man nennt Elsner auch den ‚Vater der polnischen Musik‘. Er, der deutschstämmige Schlesier aus der Provinz, hat 25 Jahre lang – Anfang des 19. Jahrhunderts – die Oper der Hauptstadt Polens auf europäisches Niveau gebracht, selbst 45 Opern und andere Bühnenwerke geschrieben, einen Verlag für polnische Musik gegründet, einen Musikverein geführt, dem auch E.T.A. Hoffmann angehörte, das Konservatorium aufgebaut und geleitet und dort noch viele Jahre nach dem Rückzug aus der Oper unterrichtet, wobei er Generationen von polnischen Musikern entscheidend prägte.

Obwohl ursprünglich deutschsprachig und bevor er an die Warschauer Oper berufen wurde, erwachte in ihm während seiner Jahre als Kapellmeister des deutschen Theaters in Lemberg das Interesse am polnischen Volk , seiner Sprache und seiner Kultur. Er lernte die Sprache, befasste sich mit der musikalischen Tradition und integrierte sie in sein eigenes Schaffen als Komponist, indem er zunächst polnische Tanzformen wie die Polonaise in seine noch klassisch geprägte Kammermusik einfügte, später dann auch, indem er Opern in polnischer Sprache schrieb, die mit der Geschichte des Volkes zu tun haben. Das war neu in einer Gesellschaft, die politisch von Preußen und Russland dominiert war und ihre Eigenständigkeit auch in der Kultur erst noch finden musste.

150. Geburtstag

Beim polnischen Label DUX erschien nun zum 150. Geburtstag von Joseph Elsner eine Doppel-CD mit Kammermusik. Die Werke sind vor allem in der Lemberger Zeit entstanden, wo er nach seinem Musikstudium in Wien sieben Jahre an der Oper wirkte und als Geiger sicher reichlich Gelegenheit hatte, in den Salons der Stadt zusammen mit Kollegen und befreundeten Laien Musik zu machen. In diesem Sinne präsentiert der Geiger Józef Kolinek diese Doppel-CD auf der Titelseite als 'Józef Kolinek and Friends', sehr schön passt dazu die Zeichnung 'Hauskonzert'.

Die beiden CDs enthalten einen bunten Strauß an kammermusikalischen Werken, beginnend mit zwei Sonaten für Klavier und Violine (sic!, Reihenfolge wie in Wien gelernt), ein Klaviertrio, ein Klavierquartett, ein Streichquartett. Dazu gesellen sich Polonaisen für Violine und Klavier. Schließlich fügt Kolinek noch etwas hinzu, das auf den ersten Blick nicht passt: Die Messe G-Dur für Sopran und Alt, Streicher und Orgel gehört zwar nicht mehr nach Lemberg, sondern in die Gruppe der geistlichen Werke, die Elsner erst nach seiner Zeit in der Warschauer Oper schrieb. Dennoch passt sie hierhin, da sie für Laien-Singstimmen einer befreundeten Familie gedacht war, entsprechend ‚schlicht‘ gefasst wurde und – damals eine Besonderheit - in polnischer Sprache geschrieben ist. Leider gibt es im Begleitheft keine Übersetzung des Textes, den der Dichter Brodzínski geschrieben hat. Da die beiden Frauenstimmen überwiegend in Terzen und Sexten singen, wirkt das Ganze auf den Hörer, der kein Polnisch versteht, auf die Dauer etwas eintönig.

Wiener Einfluss

Wie klingt nun Elsners Kammermusik? Sie erinnert stark an Elsners Studienzeit in Wien 1789-1791, eine Zeit also, in der es in Wien von Klein- und Mittelmeistern nur so wimmelte, überstrahlt vom großen Vorbild Joseph Haydn. Formal ist also klar, dass alle Werke in der Sonatenform geschrieben sind, gefolgt in den meisten Fällen von Variationssätzen und Rondos. Wenn das Klavier beteiligt ist, steht dieses Instrument im Vordergrund, das Cello unterstützt häufig noch die linke Klavierhand. Beim Streichquartett führt klar die erste Geige an. Obwohl somit vieles recht überschaubar ist, gibt es doch eine Reihe von Überraschungsmomenten, die zeigen, dass Elsner als Komponist über dem konventionellen Durchschnittsniveau steht. Er fügt Modulationen ein, die überraschen, lässt Fermaten an unerwarteten Stellen innehalten, entwickelt die aufgestellten Themen klug weiter und schreckt auch vor kontrapunktischen Abschnitten nicht zurück. Er muss gute Pianisten in Lemberg gehabt haben, denn der Klavierpart ist immer virtuos. Besonders die reichlich eingesetzten Arpeggien erinnern bereits ein wenig an die beiden Klavierkonzerte seines Schülers Chopin.

Das Streichquartett orientiert sich fraglos am ‚Vater des Streichquartetts‘, Joseph Haydn. Die Stimmen sind sorgfältig durchgearbeitet, die erste Geige bekommt gleichwertige Partner an die Seite gestellt. Musikalisch kann man hier Kammermusik auf ansprechendem Niveau entdecken, zumal sie makellos gespielt wird, ohne Übertreibungen im Ausdruck und in flüssigen Tempi, Musik die man gern hört und die es wert wäre, in kammermusikalischen Zirkeln probiert zu werden.

Technisch ist an den Aufnahmen, die mit Unterstützung des polnischen Radios entstanden, nichts auszusetzen. Hall ist nur spärlich eingesetzt, wie es sich für Kammermusik gehört. Den Text über Elsner im Begleitheft hat Józef Kolinek selbst verfasst, also auch hier ein Zeichen persönlichen Engagements für die lange vergessenen Werke des ‚Vaters der polnischen Musik‘.


Elisabeth Deckers, 20.08.2020

Label: DUX
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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