Magazin: CD-Kritiken
Leonard Bernstein: Symphonies No.1 & 2

Details zu Leonard Bernstein: Symphonies No.1 & 2: Arctic Philharmonic, Christian Lindberg

Leonard Bernstein: Symphonies No.1 & 2: Arctic Philharmonic, Christian Lindberg

Plastische Glaubensbekundungen

Von eindrucksvoller kompositorischer Dichte und Ausdrucksvielfalt sind die beiden Symphonien, die Bernstein in recht jungem Alter schrieb. Die Arktische Philharmonie unter Christian Lindberg spielt das keineswegs unterkühlt in gigantischem SACD aus.

Um subjektive Sinnsuchen und Glaubenserfahrung geht es in den ersten beiden Symphonien von Leonard Bernstein (1918-1990). Es ist wirklich beeindruckend, auf welchem kompositorischen Niveau der Zwanzigjährige mit orchestralem und auch vokalsymphonischem Klagegesang nach dem Propheten Jeremiah am Ende des Zweiten Weltkriegs debütierte: Der kontinuierliche Ausdruck von schmerzlichster Trauer besitzt schon eine künstlerische Größe, die keinesfalls geringer zu achten ist als vergleichbare Entwürfe etwa bei Schostakowitsch oder dem schon spürbaren symphonischen Übervater des 20. Jahrhunderts, Gustav Mahler. Bernstein nutzt alle Facetten, welche die orchestrale Klangsprache des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bietet, und bereichert sie durch eine vor allem rhythmische Agilität in Nähe der sich entwickelnden Jazz-Strömungen, die dann insbesondere in der zweiten Symphonie 'The Age of Anxiety' mit einem Solo-Klavier als reflektierendem ‚Subjekt‘ des Geschehens Bernsteins emotionale und formale Virtuosität als autarke dramaturgische Genialität vorführt. Und der war bei erster Beendigung der Partitur im März 1949 erst dreißig und zugleich Amerikas Dirigenten-Nachwuchsstar!

Symphonie ganz als ‚Welt‘ und ‚erhabene Gattung‘

Der Brillanz vor allem auch der farbigen Orchestration des höchst polyphonen Stimmengeflechts werden die Orchestergruppen und Pult-Solisten der in den beiden Polarkreis-Städten Bodø und Tromsø angesiedelten Arktischen Philharmonie mehr als gerecht: Im äußersten Norden Norwegens ist ein oft extrem satter und doch differenziert durchhörbarer Sound zuhause, den Dirigent Christian Lindberg und die Tontechniker des Labels BIS wirklich eindrucksvoll modelliert haben. Bei Lindberg, dem Weltklasse-Posaunisten, brillieren nicht nur Bläser-Blech wie -Holz, sondern auch die lässig-souverän wirkenden Streicher-Gänge: Kern der Interpretation ist ein wirklich perfektes Gespür für Tempo-Relationen und Kontraste in lebendiger dynamischer Stufung.

Gegenüber Bernsteins eigenen Einspielungen fällt ein durchaus perfektionistischer Zug auf (den auch die Dirigenten Leonard Slatkin oder Andrew Litton zeigten), wobei die hochexpressiven Attitüden, welche besonders die frühen CBS-Aufnahmen Bernsteins so wertvoll machen, auch vorhanden sind. Bernstein hat allerdings in allen seiner Aufnahmen die besseren Solisten: Anna Larssons inzwischen recht schwere Stimme erreicht nicht die direkte, natürliche Intensität, welche Christa Ludwig oder vor allem 1961 Jennie Tourel im Finalsatz der Ersten Auge in Auge mit dem Komponisten entwickeln konnten. Und der technisch souveräne und atmosphärisch fast immer interessante Allesspieler Roland Pöntinen kommt mit dem Idiom Bernsteins und der vertrackten Rhythmik weniger gut zurecht als Lukas Foss oder der brillante, einen Schuss Ravel in die Partitur der Klavier-Symphonie injizierende Philippe Entremont (CBS/Sony 1965). Er ist hier ein mitunter etwas chopinesk-zaghafter einsamer Gegenpol in wilderer, expressionistischer Orchester-Umgebung.

Orchestral Referenz, Abstriche bei den Solisten

Trotzdem oder gerade auch wegen Pöntinens eigenwilliger Zurückhaltung als konzertantes ‚Subjekt‘ hat diese Aufnahme einen ganz eigenen Zugang mit gewisser Faszination und Spaß am prallen Klang. Man sieht dann sogar über die extrem schadensanfällige Papp-Verpackung der SACD hinweg wie auch über die in manchen verschroben oder maschinell wirkenden Wendungen fast komische deutsche Übersetzung eines im Original charmanten und informativen Einführungstextes von Geoffey Block. Ein Fehlkauf wäre diese Produktion mit dem nördlichsten Orchester der Welt keinesfalls.


Dr. Hartmut Hein, 21.10.2020

Label: BIS Records
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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