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Leos Janacek: The diary of one who dissappeared

Details zu Leos Janacek: The diary of one who dissappeared: Pavol Breslik, Robert Pechanec

Leos Janacek: The diary of one who dissappeared: Pavol Breslik, Robert Pechanec

Seelenmusik

Pavol Breslik gelingt mit Janáceks 'Tagebuch eines Verschollenen' ein rundum authentisches und eigenwilliges Album.

Leoš Janáčeks 'Tagebuch eines Verschollenen' aus dem Jahr 1916 schwankt zwischen Liederzyklus und Miniatur-Oper: Ein junger Mann verliebt sich in eine geheimnisvolle junge Zigeunerin, für die er final auch sein bisheriges Leben aufgibt. Dem Tenorprotagonisten stellt der Komponist eine Frauenstimme und einen kleinen solistisch besetzten Damenchor an die Seite. Die Grundidee zum 'Tagebuch eines Verschollenen' entsprang einer Zeitungsmeldung in Form von Tagebuchfetzen, die ein Mann in eben der geschilderten Situation angeblich hinterlassen hatte. Janáček war fasziniert, vor allem auch vom mährischen Dialekt der fiktiven Gedankennotizen. All das entsprach seiner Vorstellung von musikalisierter Sprache, vom gesungenen Ausdruck des innersten Seelenlebens.

Die emotionale Zerrissenheit, der leidenschaftliche Duktus des Liederzyklus scheint wie gemacht für den slowakischen Tenor Pavol Breslik. Für das Label Orfeo hat der Sänger Janáčeks Werk im Mai 2019 in Wien eingespielt. Als Muttersprachler legt er eine natürliche und zuweilen elektrisierende Sprachbehandlung an den Tag. Schneidend trifft den Hörer der Sarkasmus des Protagonisten, um kurz darauf jene anrührende Milde und Weichheit in Klang zu fassen, wie man sie von Pavol Bresliks Gesang kennt. Sein jugendlich unverstellter Tonfall, die wohldosierte Glut, mit der er seinen Vortrag stützt, der lyrische Schmelz und die in jeder Phrase hörbare Lust an der singenden Kommunikation zeichnen Bresliks Interpretation hier einmal mehr aus. Die hohen Cs im letzten Lied des 'Tagebuch' verweigern sich klug dem auftrumpfenden Strahl, der beeindrucken soll, vielmehr sind sie schmerzhafter Gipfelpunkt einer Entscheidung, die ins Ungewisse führt.

Kühl und distanziert

Begleitet wird Breslik von Robert Pechanec. Den rhythmisch komplexen und technisch anspruchsvollen Klavierpart beherrscht der Pianist mit Verve und Souveränität. Die dynamischen Vortragszeichen Janáčeks nimmt Pechanec genau ins Visier. So virtuos und klar sein Spiel auch sein mag, es hat auch Tendenzen zu Kühle und Distanziertheit. Fraglos hält er engen Kontakt zum Solisten, führt einen engmaschigen Dialog – und doch bleibt die Poesie auf der Strecke. Das mag auch ein äußerst bewusster Vorgang sein, denn Pechanecs Janáček klingt in keiner Sekunde schwülstig oder gar kitschverdächtig. Selbst die vielen Sexten und Terzen entziehen sich der sich anbietenden Süffigkeit. Der Pianist färbt sie ebenso schroff und kristallin wie die vertrackten Akkordklüfte und melodischen Bruchstücke, die das Begleitmaterial darstellen. Im Piano entsteht an wenigen Stellen Wärme und magische Atmosphäre, schon ab Mezzoforte gewinnt eine unüberhörbare Härte und Kälte die Oberhand.

Der verführerischen Zigeunerin leiht Ester Pavlu ihre Stimme, wobei ihr eher dramatischer Mezzosopran wenig Reizvolles verströmt und erstaunlich alt klingt. Als homogenes, wunderbar aufeinander abgestimmtes Chortrio agieren Dominika Hanko, Zuzana Marczelová und Mária Kovács.

Temperamentvoll

Auf das 'Tagebuch eines Verschollenen' folgen auf diesem Album zwei weitere Liedsammlungen Janáčeks: 'Sechs Volkslieder gesungen von Eva Gabel' und die 'Lieder aus Detva', auch 'Rebellenlieder' genannt. Diese Zusammenstellungen repräsentieren Janáčeks Bemühen um die Volkslieder seiner Heimat. Versehen mit einem attraktiven Klavierpart, lassen sie traditionelles Liedgut wieder aufleben. Breslik und Pechanec zeigen sich hier von der temperamentvollen Seite, rhythmisch prägnant, sprachlich geschliffen und direkt. Besonders Bresliks attraktive Mittellage und Tiefe sind in den 'Rebellenliedern' gefordert und scheinen direkt aus dem Bauch zu kommen. Ein wunderbar unverstellter Abschluss für dieses authentische und eigenwillige Album.


Benjamin Künzel, 22.07.2020

Label: ORFEO
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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