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Leopold Godowsky: 53 studies on Chopin Etudes

Details zu Leopold Godowsky: 53 studies on Chopin Etudes: Konstantin Scherbakov, Klavier

Leopold Godowsky: 53 studies on Chopin Etudes: Konstantin Scherbakov, Klavier

Quadratur des Kreises

Godowskys extrem hohe technische Hürden überspringt Konstantin Scherbakov in dieser zyklischen Folge nicht.

Mittlerweile bei Folge 14 ist die bei Naxos erscheinende Reihe mit dem pianistischen Œuvre Leopold Godowskys angelangt. Wer sich mit Chopins Etüden op. 10 und op. 25 befasst oder vielleicht sogar selbst die eine oder andere gespielt hat, weiß, dass diese – allein schon in technischer Hinsicht – schon für sich genommen zu den ultimativen Herausforderungen der Klavierliteratur gehören. Selbst gestandene Konzertpianisten meistern sie keineswegs selbstverständlich unfallfrei. Nun gab es aber tatsächlich Leute wie Leopold Godowsky (1870-1938), der – seines Zeichens einer der größten Virtuosen seiner Zeit – auf die Idee kam, mit zusätzlich extra erschwerten Bearbeitungen der Originalversionen noch eins drauf zu setzen. '53 Studien über die Etüden Chopins' hat Godowsky insgesamt angefertigt, wem die Anzahl auf Anhieb unschlüssig vorkommt, hat Recht: Gleich mehrere Umarbeitungen derselben Etüden hat Godowsky teils vorgenommen (allein sieben existieren von op. 10/5).

Erreicht hat er diese pianistische ‚Quadratur des Kreises‘ mit unterschiedlichsten Stilmitteln, mal mit der Umkehrung der Hände, mal (genauer gesagt: in 22 Fällen) mit Arrangements für die linke Hand allein, teils aber eben auch unter Hinzufügung ganz neuer, etwa kontrapunktischer Aspekte von bis zu drei (!) Stimmen oder sogar mittels spiegelbildlich angeordneter melodischer Figurationen. Damit noch nicht genug – sogar noch einen Schritt weiter ging Godowsky, indem er als besonderen ‚Kick‘ einzelne Etüden (wie etwa im Fall von op. 10/5 bzw. 10/9 und op. 25/9) zu einem daraus kombinierten Stück zusammenfügte.

Technische Probleme

Als ‚Sakrileg‘ am Original oder effekthascherischen Salon-Hokuspokus mögen manche das abtun, ihrem musikalisch und kompositorisch neu entstehenden Gehalt wird das aber keineswegs gerecht. Eine Auswahl aus diesen Studien spielt auf dieser CD Konstantin Scherbakov, der bereits für die vorangegangenen Folgen der Serie verantwortlich zeichnete und dabei etliche überzeugende Resultate abgeliefert hat (klassik.com berichtete). In diesem Fall gibt es allerdings ein Problem – und dass ist die wirklich ungeheure technische Schwierigkeit dieser ‚Cover-Versionen‘. Musikalisch überaus spannend ist das Projekt allemal – auf ganz unterschiedlich grundierte Abwandlungen trifft man in dieser Sammlung. In einigen erkennt man das Original auf Anhieb wieder – bei anderen muss man schon genauer hinhören, um die kunstvoll-vertrackten Verarbeitungen in den entsprechenden Kontext bringen zu können. Zur ersteren Kategorie gehört die C-Dur-Etüde op. 10/1 mit ihren auf und ab perlenden Arpeggien. Die musikalisch hochinteressanten, der ursprünglichen Fassung hinzugefügten Modifikationen scheinen durch Scherbakovs Interpretation zwar hindurch. Was man allerdings auch hört: Technisch hat er schon hier Mühe, Geschwindigkeit, musikalischen Fluss, Artikulation und dynamische Ausgestaltung unter einen Hut zu bringen. Schon das Original können, wie einst schon Joachim Kaiser anmerkte, die wenigsten Pianisten überhaupt in Perfektion ausführen, schon zu diesem Kreis gehört Scherbakov nicht.

Höchstschwierigkeiten

Erst recht kann er die virtuos gesteigerten Anforderungen nicht erfüllen. Und das geht mehrfach so weiter, beispielsweise in den Varianten von op. 10/2 und op. 10/4. Letztere ist ganz besonders gespickt mit Höchstschwierigkeiten, verbunden mit der extra ‚gemeinen‘ Vortragsanweisung, fast durchgehend Pianissimo zu spielen. Hier wirken Phrasierung und musikalische Diktion immer wieder ungelenk und träge, es fehlt schlicht an virtuoser Souveränität und Leichtigkeit. Vereinzelt punkten kann Scherbakov in lyrisch gemäßigten Passagen, etwa in op. 10/6. Technisch einigermaßen mithalten kann er exemplarisch gerade noch in op. 10/7, 10/9, 25/6 und 25/12, ansonsten hakt es aber (z. B. in den Etüden op. 10/10, 10/11, 10/12, 25/3, 25/4, 25/8, 25/10 oder auch besonders in 25/11) in diesem Punkt gewaltig. Logische Folge: Die musikalisch-gestalterischen Details herauszuarbeiten, ist ihm von vornherein gar nicht erst möglich, zu sehr ist er mit der Konzentration auf die ‚handwerkliche‘ Ausführung beschäftigt. Immer wieder wirken Passagenwerk, Skalen oder Akkordfolgen starr und behäbig.

Nun kann zwar beim besten Willen nicht jeder ein Godowsky sein – dessen Fähigkeiten suchten schon zu seinen Lebzeiten ihresgleichen. Die Messlatte hat er im Grunde selbst so hochgelegt, dass man beinahe meinen möchte, außer ihm selbst könne überhaupt kein Sterblicher diese pianistischen Monster bezwingen. Tatsächlich gibt es aber auch heute Kollegen, die dazu in der Lage sind. Marc-André Hamelin etwa hat mit seiner Aufnahme der kompletten Studien bewiesen, dass es sehr wohl möglich ist. Von einem völlig anderen, virtuos unangestrengten, musikalisch und emotional funkelnden Kaliber sind seine charismatisch-geistreichen Interpretationen, bei ihm hört man die wahre Intention Godowskys heraus.

Pianistische Pioniere

Auch Boris Berezovsky hat eine kleine Auswahl überzeugend gemeistert. Spontan fallen einem daneben Edeltechniker wie Daniil Trifonov oder Jewgenij Kissin ein, die dazu in der Lage wären. Dahinter wird die pianistische Luft dann aber schon dünn. Insofern ist das Urteil über diese Einspielung nicht falsch zu verstehen: Unter all jenen, die mit diesen ‚Ungetümen‘ überfordert wären, befindet sich Scherbakov in zahlreich prominenter Gesellschaft. Seine unbestrittenen Verdienste um die Wiederbelegung von Godowskys Œuvre soll all das im Gegenteil nicht schmälern. Es liegt eben allein an den vorliegend extrem harten spieltechnischen Nüssen, die auch in heutigen Klavierzeiten von ‚höher, schneller, weiter‘ von den allerwenigsten zu knacken sind. Um es mit Marc-André Hamelins Worten auszudrücken: Neben den ‚unerwarteten Schwierigkeitsgraden‘ geht es auch um ‚geistige Herausforderungen, denen man anderswo im Repertoire höchst selten (wenn überhaupt) begegnet.‘ Sicherlich ein Hauptgrund dafür, weshalb diesen Stücken wie dem gesamten Werk Godowskys lange Zeit keine erfolgreichere Adaption beschieden war. Das zu ändern, haben sich einige pianistischen Pioniere zum Glück auf den Weg gemacht.


Thomas Gehrig, 22.05.2020

Label: Naxos
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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