Magazin: CD-Kritiken
Ferruccio Busoni: Sonata for Violin & Pianoforte op.29/36a

Details zu Ferruccio Busoni: Sonata for Violin & Pianoforte op.29/36a: Ingolf Turban, Ilja Scheps

Ferruccio Busoni: Sonata for Violin & Pianoforte op.29/36a: Ingolf Turban, Ilja Scheps

Zur Hälfte perfekt

Ingolf Turban und Ilja Scheps überzeugen mit Busonis letzter Violinsonate weit stärker als mit dem vom Komponisten verworfenen Vorgängerwerk.

Die Zahl der Einspielungen von Ferruccio Busonis beiden großen e-Moll-Violinsonaten von 1889 bzw. 1898 ist beachtlich, auch wenn die spätere Sonate op. 36a die frühere op. 29 an Bekanntheit weit überragt. Von Op. 29 hat sich Busonis selbst später distanziert, und schon bald fällt auch auf, dass der Komponist hier noch von seinem Reifestil weit entfernt ist. Gerade die frühere Sonate scheint so auch Ingolf Turban und Ilja Scheps in ihrer 2016 beim SWR Baden-Baden entstandenen Einspielung besondere Schwierigkeiten zu bieten. Trotz der strukturell eher traditionellen Anlage (die im Tracklisting genannten Satzüberschriften der CD sind fast alle fehlerhaft) scheinen die Musiker dem Werk nicht recht nahe zu kommen. Scheps‘ Spiel mangelt es hier an Farben und Leuchtkraft, und auch in Turbans Beitrag finden sich immer wieder intonatorische Unsicherheiten. Übergänge sind nicht differenziert ausgearbeitet, sowohl die Violinlinie als auch der Klavierpart vermitteln den Eindruck, als seien die Musiker noch auf dem Weg zu einer wirklichen Interpretation.

Dieser Eindruck ändert sich grundlegend bei der späteren Sonate, die, obschon noch dreisätzig, das traditionelle Formverständnis aufbricht und erweitert. Eindeutig war die Busoni-Sonate ein wichtiges Vorbild für Max Reger, der seine erste Violinsonate, die er später noch für gültig hielt, die Sonate A-Dur op. 41, im Sommer 1899 komponierte, mithin anderthalb Jahre nach der Uraufführung von Busonis Komposition. Dass sich Busoni späterhin auch von dieser Komposition distanzierte, lag nicht zuletzt in ihrer großen Popularität begründet, u. a. bei Fritz Kreisler, mit dem er die Sonate in London gespielt hatte. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand vermisste er jenen zukunftsfähigen Aspekt, der ihn mittlerweile umtrieb und der diverse spätere Werke so intensiv prägt.

Gebrochener Traditionsbezug

Waren Turban und Scheps in der ersten Sonate tentativ und in ihrer Ausarbeitung nicht immer ganz erfolgreich, so scheinen jetzt bei der zweiten Sonate fast andere Musiker am Werk zu sein – hier ‚sitzt‘ jetzt alles, sowohl großformal als auch im Detail. Die Zerbrechlichkeit des Variationenthemas wird ebenso herausgearbeitet wie der gebrochene Traditionsbezug in den quasi zitatartigen Bezugnahmen auf Werke der musikalischen Vergangenheit. Sowohl der Pianist als auch der Geiger bieten hier eine kaum überbietbare Menge an musikalischen Valeurs und feinen Details, die bei einmaligem Hören, auch bei mehrmaligem Hören kaum alle erfasst werden können. Bei der Tempowahl ähneln Turban und Scheps der Einspielung von Gidon Kremer und Valery Afanassiev (Deutsche Grammophon), doch ist die jüngere Interpretation im Detail noch reicher, mit dem Mut zu ‚modernen‘ Klangfarben – Turban mehr noch als Scheps. Hierdurch ergibt sich eine gewisse Asymmetrie der interpretatorischen Tiefe, die aber angesichts der hohen Qualität der Interpretation äußerst gering wiegt. Schade, dass die frühere Sonate diesen beglückenden Status einer Referenzeinspielung nicht bieten kann.


Dr. Jürgen Schaarwächter, 25.04.2020

Label: cpo
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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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