Magazin: CD-Kritiken
Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Klaviersonaten

Details zu Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Klaviersonaten: Annika Treutler, Klavier

Viktor Ullmann: Klavierkonzert, Klaviersonaten: Annika Treutler, Klavier

Schönheit im Angesicht des Todes

Die Pianistin Annika Treutler legt mit ihrer Einspielung zweier Sonaten und des Klavierkonzertes ein überzeugendes Plädoyer für den in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann vor.

Viktor Ullmann, ‚dessen schlimmes Schicksal fast bekannter ist als seine Werke‘ (so ein Hinweis bei Berlin Classics), wurde im Oktober 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Sein hinterlassenes Œuvre zeigt ihn als Tondichter eines expressiven, höchst individuellen Stils, der insbesondere für Klavier beeindruckende Werke komponierte. Die sieben Klaviersonaten liegen mittlerweile in einer beachtlichen Zahl von Einspielungen vor; unter anderem Maria Garzon, Christophe Sirodeau und Michael Tsalka haben die Sonaten auf CD aufgenommen. Auf der vorliegenden Veröffentlichung (CD und Blu-ray) koppelt die Pianistin Annika Treutler die dritte und siebte Sonate mit Ullmanns (einzigem) Klavierkonzert, das im Jahr 1939 komponiert wurde. Treutler wird im Konzert vom Rundfunk-Symphonie-Orchester Berlin unter Stephan Frucht begleitet.

Sensible Schattierungen

Die dritte Sonate wird von einem virtuosen, fast etüdenartigen Kopfsatz eröffnet, der in seiner Motorik ein wenig an Prokofiev erinnert. Dessen harter Modernismus war aber Ullmanns Sache nicht; trotz der rasanten Läufe ist auch Platz für lyrische Momente, die von Treutler reichlich ausgekostet werden. Dem hohen technischen Anspruch ist sie vollauf gewachsen; auch ihre dynamische Gestaltung überzeugt, sensible Schattierungen ermöglichen ihr einen fließenden Übergang von den rasant-motorischen zu den eher melodischen Momenten des Satzes. Das folgende Scherzo mit der Vortragsbezeichnung 'Allegro violente (prestissimo)' greift den Ton des ersten Satzes auf und wird von Treutler so rasant dargeboten, dass der Hörer nun dringend eine Atempause benötigt. Die erhält er auch im Variationen-Finale, das auf einem Mozart-Thema (aus dem Allegro KV 3) basiert. Ullmann nutzt das vergleichsweise simple Thema für eine Folge von sieben Variationen, deren kantable Ausdruckskraft (bei zunehmender Virtuosität) einen denkbar großen Kontrast zu den ersten beiden Sätzen der Sonate bildet. Treutler kann sich hier nun von ihrer lyrisch-melodischen Seite präsentieren und tut auch dies überzeugend.

Formal gänzlich anders strukturiert ist die siebte Sonate mit ihren insgesamt fünf Sätzen. Der herb-motorische Tonfall der dritten Sonate ist hier zwar noch vorhanden, aber abgemildert. Auch ist der Klaviersatz durchsichtiger geworden. Es dominiert ein verspielter, streckenweise fast heiterer Ton – kaum fassbar angesichts der Entstehungsumstände, das Werk entstand im Sommer 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt. Treutler präsentiert auch dieses Werk technisch versiert und mit einem Gespür für die feinen Nuancen insbesondere des Adagio-Mittelsatzes, als Ganzes wirkt die siebte Sonate jedoch eine Spur schwächer als das expressionistisch auftrumpfende Schwesterwerk. Beiden Stücken gemeinsam ist ein Variationen-Finale: Grundlage ist in diesem Fall ein hebräisches Volkslied, dessen kontrapunktische Veränderungen einen nachdenklichen, wenn auch pianistisch anspruchsvollen Abschluss der Sonate bilden.

Aufgelichtete Grundstimmung

Sein einziges Klavierkonzert (entstanden 1939) hat Ullmann kompakt strukturiert, die Gesamtdauer des Werkes beträgt nur etwas über 18 Minuten. Vor allem das Finale ist mit gerade einmal zweieinhalb Minuten Dauer eher ein Epilog als ein eigener Satz. Die Grundstimmung ist – bei aller expressionistischen Schärfe des Klangs – durchaus aufgelichtet, düster-dramatische Stellen sind selten. Der Kopfsatz beginnt ähnlich wie der erste Satz der dritten Sonate mit motorischen Figuren, die vom Klavier aufgegriffen und weiterverarbeitet werden. Treutler bewältigt sowohl diese rasanten Läufe als auch die folgenden Dialoge mit einzelnen Instrumenten souverän und fein ausgehört, beherrscht feines Pianissimo ebenso wie die zupackende ‚Löwenpranke‘. Frucht und das RSO Berlin sind aufmerksame Begleiter in einem Konzert, das man nicht als symphonisch bezeichnen würde – bei allem (gewichtigen) Anteil des Orchesters ist das Soloinstrument doch klar führend. Die Klangtechnik bildet das entsprechend ab und stellt die Pianistin deutlich in den Vordergrund, deutlicher sicherlich, als das im Konzert der Fall wäre, aber doch angemessen.

Vor allem die dritte Sonate und das Konzert zeigen Ullmann als einen absolut erstrangigen Komponisten, dessen Werke keinen Vergleich scheuen müssen. Treutler, Frucht und das RSO Berlin belegen dies mit ihrer CD-Veröffentlichung eindrücklich. Zusammen mit einigen anderen CD-Produktionen geben sie so dem von den Nationalsozialisten ermordeten Komponisten posthum eine Stimme – als Bestandteil einer ‚Verpflichtung, diejenigen Stimmen nicht verstummen zu lassen, die sich zu Lebzeiten nicht äußern durften oder die sich nicht mehr äußern konnten‘, wie es im Beiheft heißt.


Dr. Michael Loos, 21.05.2020

Label: Berlin Classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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