Magazin: CD-Kritiken
José Serebrier: Symphonic Bach Variations, Flute Concerto

Details zu José Serebrier: Symphonic Bach Variations, Flute Concerto: Alexandre Kantorow, Sharon Bezaly

José Serebrier: Symphonic Bach Variations, Flute Concerto: Alexandre Kantorow, Sharon Bezaly

Komponierender Dirigent oder dirigierender Komponist?

Obwohl José Serebrier auf dieser CD auch dirigiert, steht er doch vor allem als Komponist im Vordergrund. Besonders überzeugen kann hierbei sein Flötenkonzert.

Wenn Werke von Dirigenten, die auch komponieren, ‚Kapellmeistermusik‘ sind – ist Mahlers Neunte dann ‚Kapellmeistermusik‘? Der Begriff wird gerne inflationär und vorschnell verwendet für Kompositionen von Orchesterleitern, als ob hier ein Automatismus greifen würde: Wer hauptberuflich dirigiert, kann kein erstklassiger Komponist sein. Das ist natürlich Unsinn, aber dennoch ein bis in die Gegenwart verbreitetes Vorurteil, mit dem fast jeder 'Composer who conducts' (so die Selbstbezeichnung von Antal Doráti) zu kämpfen hat. Auch José Serebrier, Jahrgang 1938, wird häufig als Dirigent wahrgenommen, der gleichsam nebenher komponiert, obwohl sich sein Werkverzeichnis wahrlich sehen lassen kann und viele andere Musiker seine Werke in ihrem Repertoire haben.

Angemessener wäre es wohl, den Uruguayer als gleichermaßen versierten Tondichter und Orchesterleiter zu bezeichnen, der bisweilen natürlich auch in einer Doppelfunktion auftritt, wenn er seine eigenen Orchesterwerke leitet. So geschehen auf der vorliegenden CD, die Werke aus den Jahren 2001 bis 2018 beinhaltet und auf der (zusammen mit Serebrier und seinem Kollegen Richard Tognetti) zwei renommierte Solisten zu hören sind: der Pianist Alexandre Kantorow und die Flötistin Sharon Bezaly. Neben zwei größeren Solokonzerten sind kleinere Stücke von Serebrier zu hören und – gleichsam als Zugabe – ein Tschaikowsky-Arrangement.

Hochklassiges Klavierspiel

Das Klavierkonzert trägt den Titel 'Symphonic BACH Variations' und zeigt schon damit, dass der Uruguayer große Maßstäbe an sich selbst anlegt. Handelt es sich also um ein gleichsam neobarockes Konzert im Stile Bachs? Nein, die bekannten Tonbuchstaben dienen als Gerüst für ein viersätziges Werk, das in weiten Teilen von einem perkussiven Tonfall geprägt ist. Anklänge an die Klavierkonzerte von Bartók und Prokofiev sind nicht zu überhören. Diese Grundstimmung durchzieht alle vier Abschnitte und lässt den Hörer schon nach wenigen Minuten ein gewisses Maß an Abwechslung vermissen. Hinzu kommt ein unangenehm auffälliges Detail: Die von Serebrier wohl geliebte, jedenfalls sehr häufig eingesetzte kleine Trommel tritt oft stark in den Vordergrund, die klangliche Balance ist hier nicht optimal. Andererseits bleibt noch genug Gelegenheit, im Laufe des Werkes Kantorows hochklassiges Klavierspiel zu loben; trotz des bisweilen recht herben Grundtones hat er (vor allem im dritten Satz) noch Gelegenheit, die lyrischen Seiten dieses Stückes zu betonen. Unter dem Strich legen Solist, Dirigent und Orchester hier eine sehr gute Interpretation eines guten Werkes vor, das sich aber angesichts einer großen Zahl anderer zeitgenössischer Klavierkonzerte nur mühsam behaupten kann. Zu wenig ist hier ein individueller Stil Serebriers erkennbar.

Luftiger Tonfall

Dass dieser Stil sehr wohl vorhanden ist, zeigt das (deutlich gelungenere) Flötenkonzert, ausdrücklich als 'Flute Concerto with Tango' betitelt. Hier ist es nicht nur Bezalys bewährte Virtuosität, die jede noch so haarsträubende technische Schwierigkeit ganz leicht wirken lässt, sondern auch der (im Vergleich zum Klavierkonzert) gänzlich andere, beinahe luftige Tonfall, der ein Stück voller Schwung und Esprit entstehen lässt. Nichts wirkt hier dramatisch und angestrengt, sondern – ohne in die Trivialität abzurutschen – eingängig, gekonnt und überzeugend. Ob es daran liegt, dass hier nicht Serebrier selbst, sondern Richard Tognetti dirigiert (übrigens das australische Kammerorchester)? So oder so – das 'Flötenkonzert mit Tango' ist ein in hohem Maße gelungenes Werk, das hohen kompositorischen Anspruch mit unmittelbarer Zugänglichkeit verbindet.

Ähnliches gilt übrigens für das knapp zwölfminütige Werk 'Laments and Hallelujahs', in dem sich Serebrier insbesondere als Schöpfer grandioser orchestraler Steigerungen inszeniert. Sein Stil mag aus Sicht der Avantgarde konservativ genannt werden, ist aber auf jeden Fall höchst wirkungsvoll. Die anderen, ebenfalls vom Tango inspirierten Stücke darf man, ohne ihren Schöpfer im Geringsten abzuwerten, als nette Zugaben bezeichnen – gekonnt komponiert und musiziert, aber eben auch nicht mehr. Eine nette Abrundung der CD stellt das Tschaikowsky-Arrangement 'Nur wer die Sehnsucht kennt' dar, von dem Serebrier im Beiheft ausdrücklich sagt, er habe es so klingen lassen wollen, als ob es der Komponist selbst orchestriert habe. Dies ist ihm ohne Zweifel gelungen.

Gute bis sehr gute Musik

Letztlich zeigt diese Serebrier-Werkschau den Uruguayer als Schöpfer guter bis sehr guter Musik, die keinen Vergleich scheuen muss. Dass er auch Dirigent ist, mag bei der Aufführung seiner eigenen Werke von Vorteil sein – Differenzen zwischen Komponist und Dirigent sollte es in so einem Fall jedenfalls kaum geben. Ganz wesentlich zum positiven Gesamteindruck dieser Veröffentlichung tragen aber auch die beiden BIS-Hochkaräter Kantorow und Bezaly bei. Wie nur sehr wenige Solisten besitzen beide die Gabe, auch aus nicht hundertprozentig gelungener Musik das Maximum herauszuholen.


Dr. Michael Loos, 07.04.2020

Label: BIS Records
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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