Magazin: CD-Kritiken
Klavier-Festival Ruhr: Festivaldebüts 2019

Details zu Klavier-Festival Ruhr: Festivaldebüts 2019: Elisabeth Brauß, Giuseppe Guarrera, Tiffany Poon, Alexander Hoffmann

Klavier-Festival Ruhr: Festivaldebüts 2019: Elisabeth Brauß, Giuseppe Guarrera, Tiffany Poon, Alexander Hoffmann

Griff in die Schatzkiste

Gewohnt spannende Perspektiven auf den pianistischen Nachwuchs eröffnet das Klavier-Festival Ruhr.

In bereits 38. Auflage erscheint die Edition Klavier-Festival Ruhr, die sich neben der Beherbergung der Weltelite traditionell auch um die pianistische Nachwuchsförderung verdient macht. Die Festivaldebüts sieben junger Künstlerinnen und Künstler aus dem Jahr 2019 sind in Live-Mitschnitten auf der vorliegenden 3-CD-Box festgehalten, den Anfang macht mit vier Scarlatti-Sonaten Elisabeth Brauß. Gleich zu Anfang in der D-Dur-Sonate K 492 trifft sie einen spielfreudig perlenden, stilistisch treffenden Ton. Nicht entziehen kann man sich der agogischen Zugkraft ihres Spiels. Ein vergleichsweise moderates Tempo wählt sie in der allseits bekannten E-Dur-Sonate K 380 – ihr Ansatz geht aber musikalisch dennoch auf, ihre eindringliche Artikulationsweise und die schwerelos federnde Leichtigkeit ihrer Verzierungen überzeugen rundum. Im Mittelteil kreiert sie eine intensiv nach innen gekehrte Spannung. Elegant funkelnde, impulsive Spritzigkeit verleiht sie der f-Moll-Sonate K 386, rasante Verve besitzt die c-Moll-Sonate K 56. Leider gibt es von Brauß – im Gegensatz zu den meisten anderen Spielern – CD-übergreifend keine weiteren Aufnahmen.

Tiefes Bach-Verständnis

Weiter geht es mit Scarlatti – weniger gelungen ist allerdings der Zugang des Italieners Giuseppe Guarrera, seiner Interpretation der zu den Klassikern seines Landsmanns gehörenden Sonate d-Moll K 9, fehlt der vitalisierende ‚Kick‘, sein Spiel bleibt relativ statisch. Gesanglich verinnerlicht gelingen ihm zwar die Sonaten d-Moll K 32 und f-Moll K 466, die e-Moll-Sonate K 394 lässt aber erneut einen leichtgängigen Spielfluss vermissen. In der G-Dur-Sonate K 125 und der Sonate F-Dur K 107 setzt er wieder etwas mehr musikalische Energien frei. Aus Guarreras Auftritt gibt es außerdem auf der dritten CD noch ein umfangreiches Liszt-Paket, das leider noch weniger zu überzeugen vermag: Von den 'Six Grandes Études de Paganini' S 141 gelingt ihm allenfalls die Darstellung der zweiten adäquat, der bekannten 'La Campanella' fehlt beispielsweise fast völlig die silbrig glänzende Virtuosität. Den drei 'Petrarca-Sonetten' mangelt es an kontemplativem Tiefgang und Anschlagsvielfalt.

Ein Name, den man sich merken sollte, ist dagegen die aus Hongkong stammende Tiffany Poon. Haydns Es-Dur-Sonate Hob. XVI:52 spielt sie mit feiner Klangbehandlung, quirlig leuchtendem Passagenwerk und in fein schattiertes Licht getauchten Modulationen im Kopfsatz. Ins Adagio versenkt sie sich mit viel kantabler Wärme, das Finale begeistert mit elastischer Spannkraft. Mit der 'Französischen Suite' Nr. 5 G-Dur BWV 816 ist sie auf der zweiten CD zu hören. Sanft, aber bestimmt artikulierend gestaltet sie das einleitende Präludium, mit luftig-transparenter Diktion zeigt sie in Courante, Bourrée und Gigue tiefes Bach-Verständnis.

Namen für die Zukunft

Der in London geborene Alexander Ullmann findet die richtige Balance zwischen lebendigem Formenspiel und melodischer Intensität in Haydns f-Moll-Variationen Hob. XVII:6. Außerdem auf seinem Programm: Schuberts 'Ungarische Melodie' h-Moll D 817. Darin beweist er mit expressiver, klanglich warmer Tongebung eine kompetente Ader für spätromantisches Repertoire, die er zusätzlich mit Liszts technisch wie klanglich souverän gemeisterter 'Ungarischer Rhapsodie' Nr. 10 E-Dur S 244/10 unterstreicht. Der Freiburger Till Hoffmann zeigt eine starke Leistung in Brahms‘ 'Variationen über ein Thema von Robert Schuman' fis-Moll op. 9. In Bachs 'Englischer Suite' Nr. 6 d-Moll BWV 811 zeichnet er sich mit durchhörbar reflektierten langsamen Sätzen (etwa 'Double de Sarbande') und zügig fließenden, klaren Linien (beispielsweise in Courante und Gigue) aus.

Ebenfalls mit Bach, der Sinfonia Nr. 9 f-Moll BWV 795 sowie der Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830, gibt der Georgier Nicolas Namoradze seine Visitenkarte ab. Musikalisch etwas zu trocken wirkt jedoch sein Spiel, stimmliche Dimensionen werden wenig griffig und kaum plastisch dargestellt. Las, but not least: Die in Mexiko geborene Lauren Zhang. Ihre Darbietung von Brahms‘ 'Paganini-Variationen' op. 35 (Band I und II) zählt zu den Highlights der Box. Gleichermaßen versiert führt sie die feine lyrische wie die vollgriffig-pathetische Klinge.

Beachtliche Reife

Resolut zupackend gestaltet sie die Variation Nr. 2, gekonnt stellt sie den arpeggierenden Schwebezustand in der Variation Nr. 3 her, auch den hohen technischen Anforderungen der Variation Nr. 6 mit ihren vertrackten Oktavsprüngen oder des in der linken Hand der 9. Variation schwer zu handhabenden Legato zeigt sie sich gewachsen. Glockenhell schillerndes Timbre verleiht sie der 12. Variation, die halsbrecherisch-virtuose Variation Nr. 13 meistert sie einwandfrei. Im zweiten Band trifft sie die Dreiviertel-Grazie des 'Poco Allegretto' in der 4. Variation mit lässiger Eleganz, keine Probleme hat sie auch mit den rasant gebrochenen Legato-Sechzehnteln der 6. Variation. Dem hohen, sogar Liszt‘sche Kabinettstücke in den Schatten stellenden Anspruch der oktavierten Diskant-Spitzen im Vivace (Variation Nr. 11) und des Presto begegnet sie mit beachtlicher technischer und musikalischer Reife. Klares Fazit: Wie gewohnt ist auch die Kompilation dieses Jahrgangs ein unbedingt lohnender Griff in die Schatzkiste mit pianistisch vielversprechenden Talenten. Nicht zufällig sind hier schon mehrfach Stars von morgen aufgetreten.


Thomas Gehrig, 23.04.2020

Label: CAvi-music
Interpretation: 
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Booklet: 




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Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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