Magazin: CD-Kritiken
Julius Röntgen: Orchestral, Choral & Chamber Music

Details zu Julius Röntgen: Orchestral, Choral & Chamber Music: Netherlands Radio Symphony Orchestra, Jac van Steen

Julius Röntgen: Orchestral, Choral & Chamber Music: Netherlands Radio Symphony Orchestra, Jac van Steen

Breiter Querschnitt

Eine neue Doppel-CD enthält ganz verschiedene Werke des deutsch-niederländischen Komponisten Julius Röntgen in Aufnahmen aus den 1990er Jahren.

Die Zusammenstellung wirkt schon recht abenteuerlich: eine Serenade für Bläser als Jugendwerk, ein vierhändiges Klavierstück, drei Motetten a-cappella und als Spätwerk eine Symphonie. Eine typische Resterampe, wie sie Brilliant Classics zuweilen anbietet? Das Label bringt sein neues Julius-Röntgen-Album als Doppel-CD heraus, und die zweite Platte immerhin wirkt deutlich homogener: ein Klaviertrio, eine Violinsonate, eine Cellosonate.

Ungewöhnlich besetzt

Von vorne: Die Bläserserenade op. 14 ist ungewöhnlich besetzt, sie hält sich nicht an die etablierte Instrumentierung der Harmoniemusik. Zwar setzt auch Röntgen (1855–1932) je zwei Fagotte und Hörner ein, aber nur je eine Oboe und Klarinette, dafür fügt er noch die Flöte hinzu. Herausgekommen ist ein freundliches, knapp halbstündiges Werk. Die Aufnahme ist nicht neu und entstand, wie alle anderen auch, in den 90ern, also bevor das Label cpo seine umfangreiche Edition zur Röntgen-Wiederentdeckung startete. Sie genügt aber dennoch den heutigen Klangansprüchen, und die Interpretation durch das Viotta Ensemble wirkt entschlossen, bringt die Charaktere gut zur Geltung und ist vor allem klanglich großartig gelungen, knackig, akzentuiert und differenziert. Sie wirkt voluminöser als die Interpretation durch das Linos-Ensemble, aber auch deutlich robuster und nicht ganz so transparent.

Die wenig später entstandenen, der Brahms-Freundin Elisabeth von Herzogenberg gewidmeten Variationen op. 17 für Klavier zu vier Händen wirken sehr attraktiv, da sie von Wyneke Jordans und Leo van Doeslaar offenbar auf einem klanglich charmanten historischen Instrument aufgenommen wurden – das Beiheft verrät dazu leider nichts. Die Interpretation ist eher solide als brillant, sie wirkt recht pauschal und nicht allzu detailfreudig, doch das brahmsisch klingende Werk ist stark genug, um dennoch zu überzeugen.

Ungenügendes Beiheft

Auch bei den drei Motetten, wesentlich später entstanden, nämlich 1920 bzw. 1929, kann das (ausschließlich englische) Beiheft nicht punkten: Die vertonten Texte fehlen, und man erfährt noch nicht einmal, wer sie verfasst hat. Die Interpretation gleicht dieses Manko allerdings glücklicherweise aus, denn beim Niederländischen Kammerchor unter Uwe Gronostay kann man den Text mit etwas Konzentration recht gut verstehen. Abgesehen davon klingt der Chor in den teilweise recht anspruchsvollen Werken sehr sauber und homogen.

Die 1930 komponierte Symphonie in cis-moll lässt mit einem mysteriösen Pianissimo-Beginn aufhorchen, der Bläsersoli über einer Streicherbegleitung bringt. Das einsätzige, in der Interpretation durch das Niederländische Radio-Symphonieorchester unter Jac van Steen 18 Minuten lange Werk hat zwar immer wieder solche spannenden Momente, ist insgesamt allerdings nicht gerade dramatisch angelegt und scheint hin und wieder etwas auf der Stelle zu treten. Immerhin ist es groß besetzt, sogar ein Klavier und eine aus der Ferne singende Sopranistin mit Vokalisen sind zu hören.

Die zweite Platte beginnt mit einem Klaviertrio in c-moll, 1908 als op. 50 veröffentlicht und interessanterweise dem dänischen Komponisten Carl Nielsen gewidmet, das von den Concertgebouw-Streichern Alexander Kerr und Gregor Horsch zusammen mit Sepp Grotenhuis am Klavier sehr energisch und vollends überzeugend gespielt wird.

Um ein Frühwerk handelt es sich bei der Violinsonate op. 20, die anstelle eines langsamen Satzes ein sehr kurzes, beschwingtes Intermezzo hat. Obwohl das Werk in fis-moll steht, wirkt es über weite Strecken recht freundlich und teils verspielt. Nur das Finale weicht von diesem Kurs etwas unvermittelt ab und schlägt düstere, teilweise ziemlich massive Töne an. Die Interpreten Kerr und Grotenhuis hätten ihren Ton dafür vielleicht noch etwas schärfen können, abgesehen davon klingt ihre Leistung aber sehr solide.

Unerwartetes Zitat

Der Cellosonate h-moll op. 56, es ist immerhin Röntgens fünfte, hört man zunächst einmal nicht an, dass sie erst 1910 veröffentlicht wurde. Ein ziemlich ungewöhnliches und damit durchaus interessantes Werk ist sie dennoch. Besonders das Scherzo klingt recht extravagant, und im Finale zitiert und verarbeitet Röntgen ziemlich unerwartet eine Stelle aus Bachs Matthäuspassion, und zwar die Textzeile ‚soll dem ängstlichen Gewissen ein bequemes Ruhekissen und der Seelen Ruhstatt sein‘ aus dem Schlusschor.

Letztlich sollte man sich wohl nicht an der wilden Werk-Kombination dieser Publikation stören, denn immerhin wird ein ziemlich breiter Querschnitt von Julius Röntgens Schaffen durchleuchtet. Eine gute Gelegenheit also, den Komponisten von ganz verschiedenen Seiten kennenzulernen, und diese Bekanntschaft lohnt sich meistens.


Jan Kampmeier, 08.04.2020

Label: Brilliant classics
Interpretation: 
Klangqualität: 
Repertoirewert: 
Booklet: 




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