Magazin: CD-Kritiken
Jugendstil Songs

Details zu Jugendstil Songs: Camilla Tilling, Paul Rivinius

Jugendstil Songs: Camilla Tilling, Paul Rivinius

Am silbernen Faden

Camilla Tilling und Paul Rivinius liefern mit 'Jugendstil' ein nicht in allen Belangen überzeugendes, aber dennoch reizvolles Album, das mit schlichter Schönheit punktet.

Die schwedische Sopranistin Camilla Tilling und der Pianist Paul Rivinius haben unter dem Titel 'Jugendstil – Songs 1898-1916' mehr als zwei Dutzend Lieder von Erich Wolfgang Korngold, Alban Berg, Alexander von Zemlinsky, Arnold Schönberg und Gustav Mahler versammelt. Aufgenommen wurden die Werke im Frühjahr 2018 in München und beim Label BIS ist nun das fertige Album erschienen. Tontechnisch überzeugt die SACD vollkommen, die Balance zwischen Klavier und Stimme ist wunderbar austariert, der Raumklang natürlich und ansprechend.

Die Frage nach der Existenz eines musikalischen Jugendstils wirft das informative Beiheft selbst in den Raum. Eine Antwort ist müßig und doch gewinnt man im Musizieren von Tilling und Rivinius einen Eindruck (oder eher ein Echo) dessen, was Jugendstil in der Bildenden Kunst bedeutet: Es schimmert an allen Ecken und Enden, Klangflächen sind von sich windenden, glänzenden Linien durchwoben, Sinnlichkeit und Melancholie reichen sich die Hand.

Jugendlicher Glanz

Schon die einleitenden 'Einfachen Lieder' von Korngold entführen den Hörer in eine versinkende Welt der vorvergangenen Jahrhundertwende in Wien. Korngolds Melodien, seine Harmonik sind reizvoll, umspielen das Ohr, ohne provokant herauszufordern. Camilla Tilling singt sie wie einen Nachhall der Vergangenheit, obgleich der junge Korngold zum Zeitpunkt der Komposition noch ein Teenager war und seine Karriere quasi vor sich hatte. Der jugendliche Glanz von Tillings Sopran nimmt vom ersten Ton an gefangen, das frische, silbrige Timbre ist zur vokalen Zauberei fähig. Rivinius liefert dazu eine bestimmt konturierte Begleitung, keine pianistischen Aquarelle, sondern klare Linien.

Wo es aber an Klarheit mangelt, ist der Text. Das ist irritierend, denn man hört deutlich, wie sehr die Sängerin um ihre Artikulation bemüht ist. Es ist nicht die verwaschene Aussprache, die den Hörer textlich in der Luft hängen lässt, sondern die fehlende Satzstruktur, die mangelnde Sinnhaftigkeit einer Phrase. Vermutlich weiß Camilla Tilling ganz genau, was sie singt, aber die Worte sind in einem lückenlos gebundenen Satzfluss unter ein vorbildliches Legato platziert, dass Wortgrenzen nur wie durch Zufall entstehen, im Strom des Klangs der Inhalt unterzugehen droht.

Schönheit, aber auch Eintönigkeit

Der puren Schönheit des Vortrags tut dieses Manko freilich keinen Abbruch. Camilla Tilling singt die ausgewählten Werke unaufgeregt, schlicht, mit einer bewegenden Zartheit, fernab von opernhaftem Pathos. Alban Bergs 'Sieben frühe Lieder' hat man selten so duftend leicht gehört, auch Zemlinskys 'Walzer-Gesänge' op. 6 blühen mit Tilling und Rivinius auf. Spätestens bei den vier Schönberg-Liedern auf Gedichte von Richard Dehmel macht sich dann aber eine gewisse Eintönigkeit breit. Von der im Beiheft beschworenen Expressivität ist wenig zu hören – Tillings Gesang und Rivinius Begleitung bergen auf Dauer die Gefahr einer Nivellierung, Schönberg klingt in der Interpretation verdächtig wie Zemlinsky oder wie Berg. Die abschließenden 'Rückert-Lieder' von Gustav Mahler gleiten in ähnlichem Fahrwasser dahin. Rückerts Verse sind erst beim Nachlesen im Beiheft nachvollziehbar und bei 'Um Mitternacht' fehlt es an dramatischen Farben.

Am Ende versöhnt aber ein nachdenkliches 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' mit der eintönigen Schönheit dieses ‚Jugendstil‘-Albums: Eine Solo-Violine, mit wunderbar jenseitigem Ton von Nicola Birkhan gespielt, erweitert das Farbspektrum und öffnet die Tür in eine andere Welt. Was für ein raffinierter Schluss-Effekt für ein nicht in allen Belangen überzeugendes, aber dennoch reizvolles Album, dessen Magie am ‚silbernen Faden‘ hängt.


Benjamin Künzel, 10.04.2020

Label: BIS Records
Interpretation: 
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Booklet: 




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