Magazin: CD-Kritiken
Piano Works by Israeli Composers

Details zu Piano Works by Israeli Composers: Kolja Lessing, Klavier

Piano Works by Israeli Composers: Kolja Lessing, Klavier

Klavierwerke von israelischen Komponisten. Kolja Lessing

Kolja Lessing widmet sich eindrücklich den Klavierwerken israelischer Komponisten.

Klavierwerke zeitgenössischer israelischer Komponisten nimmt die neue CD von Kolja Lessing (Klavier) in den Fokus, wobei er selbst wieder den Booklettext verfasste, den man nicht besser schreiben kann. Wer Lessing kennt, weiß, dass er ein exzellenter Künstler nicht nur am Klavier ist. Auch seine Einspielungen auf der Violine sind zahlreich und verdienen das Prädikat außergewöhnlich. Und zwar nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch in programmatischer. Seit Jahrzehnten fischt er sich Leckerbissen der Literatur zusammen und stellt diese – schier unermüdlich – dem staunenden Publikum vor. Zugegeben, diesmal ist seine Auswahl wieder einmal spröde, doch die deutsch-israelische Beziehung ist eben ein heikles Terrain. Zu viele Wunden wurden da geschlagen, unermessliches Leid richtete die Shoa an. Wenn Kolja Lessing nun mit Neugier vergessene und weniger beachtete Werke dieser zum Teil verfolgten Komponisten aufruft, muss sich der Hörer erst hineinbeugen in die Materie.

Ausdrucksstarke Einfachheit

Nie gehört hat man von Joachim Stutschewsky, der in Romny (Oblast Poltawa, damals Russisches Reich, heute Ukraine) im April 1891 geboren wurde. Er war später Cellist, Musikwissenschaftler und Komponist. Als Kind lernte er von seinem Vater, einem Klezmorim, die Violine, ehe er zum Cello wechselte und 1909 bis 1912 am Königlichen Konservatorium der Musik zu Leipzig bei Julius Klengel studierte. Welch Aufschwung! Erst in seinen zehn Züricher Jahren ab 1914 im zionistischen Umfeld lernte er die jüdische Musik kennen. In Wien begann er dann Ende der 20er Jahre auch zu komponieren. Eines seiner frühen Werke sind die 'Palästinensischen Skizzen', die Kolja Lessing nun eingespielt hat. Der siebenteilige Zyklus ist von rührender Einfachheit und doch so ausdrucksstark. Er verzichtet auf Virtuosität und Effekthascherei und malt quasi wie ein Aquarell die Szenen: Die 'Melodie' stellt das Thema vor, das wie weichgezeichnet auch aus der Feder Debussys hätte stammen können. Lessing vermag dem Werk einen luftigen Anstrich zu verpassen und spielt mit sensibler Hand. Alle Nummern wie 'Springtanz' oder 'Jemenitischer Sang' bezeugen ‚frappierende Nähe zu folkloristischen Klavierstücken Béla Bartóks‘, konstatiert Lessing und charakterisiert so treffend den Gehalt der Miniaturen. Beim 'Jüdischen Lied' kursiert die Solostimme in der Baritonlage, ehe der Höhepunkt des Zyklus' mit 'Ekstase' erreicht wird. Der Pianist erreicht das alles ohne viel Heckmeck, in dynamisch anregender, lautstärkemäßig jedoch angenehm zurückhaltender Anschlagskultur.

Quasi als Trenner zu Strutschewskys 'Three Pieces for Piano', die im Anschluss folgen, hat Lessing Sergiu Natras (*1924) fast fünfzehnminütigen 'Variations pour piano' dazwischen geschaltet. Hier ereignet sich viel Aufregendes: Kleinteilig wird die Tastatur in schnellen Läufen durchkreuzt. Der Leon-Klepper-Schüler Natras kam 1961, fast zeitgleich mit seinem Lehrer, aus Rumänien nach Israel. 21-jährig hatte er in seiner Heimat den George-Enescu-Kompositionspreis errungen und 1946 die vorliegenden Variationen niedergeschrieben. Lessing macht aus seiner Begeisterung für das Werk keinen Hehl und spielt jede Miniatur mit Verve und künstlerischer Finesse. Von lyrisch-elegisch bis marschartig-fratzenhaft ist hier alles inkludiert: Selbst die hochvirtuose Schlussfuge als Variation 9 darf da nicht fehlen. Und sie verfehlt ihre Wirkung nicht! Ein grandioses Werk. Natra ist musikhistorisch ein Mann mit klarem europäischem Kompass, hat eine unverwechselbarer persönliche Idiomatik und lässt immer wieder in seinem Schreibstil melodischen Flow, atonale Elemente, polyphone Strukturen sowie eine schrittweise Entwicklung und Gestaltungskunst bei seinem motivischen Material aufblitzen.

Motorisch

Tzvi Avni (*1927), geboren am 2. September 1927 in Saarbrücken als Hermann Jakob Steinke, gehört zu den bekannteren, noch lebenden israelischen Komponisten. Seine Eltern, polnische Juden, emigrierten mit ihm 1935 nach Haifa, wo sein Vater wenig später tragisch ums Leben kam. Erst mit 16 lernte er die Grundzüge der Musik kennen, dann aber bei so berühmten Persönlichkeiten wie Paul Ben-Haim und Abel Ehrlich, die beide auch aus Deutschland stammten. Wer sich ein genaues Bild nicht nur über Ehrlichs Biographie machen will, schlage im empfehlenswerten 'Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit' (LexM) auf den Seiten der Universität Hamburg nach.

Das 'Capriccio' von Tzvi Avni ist ein motorisches Werk, das zunächst ein Thema mit der rechten Hand vorstellt. Die Linke wiederholt es eine Oktave tiefer, um dann eine kontrapunktische Durchführung zu starten. Das antizipiert ein bisschen die spätere amerikanische Minimal Music, besonders weil hier viele repetierende Strukturen existieren und abrupte Abbrüche das musikalische Geschehen gliedern. Das entbehrt nicht eines gewissen Witzes, der aber auch zynisch interpretiert werden kann. In vier Minuten ist das Werk aus, aber der Nachklang wuchert im Hirn. Kolja Lessing ist auch hier ein messerscharf kalkulierender Interpret, der Kürze und Würze auszusprechen weiß und bissige Dissonanzen kraftvoll synchron aufs Tableau stellt. Nachdenklichkeit fehlt da ebenso wenig wie spielerisches Jonglieren.

Überraschungseffekt

Ödön Pártos‘ (1907-1977) 'Prelude for Piano' ist da ganz anders gewichtet, obwohl es ebenso wenig nicht auf schneidende Dissonanzen verzichtet. Geboren in Budapest, ging Pártos durch die Schule Jen? Hubays und Zoltán Kodálys, bei denen er Violine und Komposition studierte. Anschließend tätig als Konzertmeister in Luzern, von 1928 bis 1933 in Berlin und von 1935 bis 1937 in Baku, emigrierte er danach – als unerwünschte Person in Berlin – nach Israel, wo er Solobratschist des Palestine Orchester, später umbenannt in Israel Philharmonic Orchester, wurde. 1951 gründet Pártos die Israelische Musikakademie Tel Aviv und wird 1961 Professor für Komposition an der Universität Tel Aviv. Seine Musik klingt zeitlos, quasi neoklassisch, dissonant, aber nicht über die Maßen. Er liebt – neben der Zwiesprache in unterschiedlichen Registern – den dynamischen Überraschungseffekt, was Lessing ungeschminkt herausarbeitet.

Natras 'Sonatina for Piano' (1987) erreicht den Hörer auf etwa gleicher Wellenlänge, nur das wir es nun mit einer klassisch-dreiteiligen Form zu tun haben. Die Komposition geht auf ein bereits 1963 verfasstes Werk für Harfe zurück und wurde so noch einmal zweitverwertet. Ein schlüssiges, tatsächlich harfenartiges Opus, das die grazile Wellenbewegung samt Glissandi deutlich inkludiert. Auch hier gefällt die Neigung des Interpreten, ein Geheimnis aus dieser Musik herauszuschälen. Er kann warten, verzaubert mit Fragezeichen und huschender Attitüde. So wird dieses Stück unter seinen Fingern zu einem schillernden Diamanten. Mordecai Seter (1916-1994), dessen 'Triptyque II for Piano' den Schlusspunkt einer unbedingt notwendigen CD setzt, gehört mit Paul Ben-Haim, Ödön Pártos und Josef Tal zur Gründergeneration der israelischen Moderne, doch ist sein Stil verwegener und keiner der traditionellen Richtungen zuzuordnen. Kolja Lessing zelebriert geradezu die lähmende Stimmung in dessen 'Ipnotico' oder im 'Misterioso'. Das erzeugt eine Eiseskälte, die man selten hört.


Manuel Stangorra, 01.03.2021

Label: cpo
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Booklet: 




Video der Woche:

Rubinstein spielt Chopin - Etude As-dur op.25 Nr 1

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